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Das Kunststoffrecycling in Europa steht unter erheblichem Druck. Auf der IFAT in München wurde auf einer vom bvse organisierten Diskussionsveranstaltung deutlich, wie unterschiedlich die Perspektiven auf dem Markt sind.

Während Hon.-Prof. Dr. Thomas Probst von der RWTH Aachen vor einer schwachen Marktlage, unzureichender Qualität und fehlenden Anreizen warnte, forderte Dr. Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen, vor allem einen verlässlichen Rechtsrahmen und wirksame Steuerungsmechanismen. Dr. Ingo Sartorius, Geschäftsführer der BKV, die sich als Thinktank der Kunststoffindustrie versteht, beschrieb wiederum die wachsende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage bei Rezyklaten bis 2030 als strukturelles Problem. bvse-Expertin und Moderatorin Anna Roeb lenkte den Blick zusätzlich auf die akute wirtschaftliche Lage vieler Recycler in Europa.

Roeb machte deutlich, dass die Branche in eine neue Phase eintrete, in der Recycling durch Vorgaben wie PPWR, ELV und WEEE zunehmend verpflichtend werde und die Erwartungen an Rezyklate schnell stiegen. Gleichzeitig stehe die Realität vieler Unternehmen in einem deutlichen Widerspruch dazu: „Viele Recycler in Europa stehen derzeit unter schwerem wirtschaftlichem Druck“, sagte sie. Gemeint sind Werksschließungen, Insolvenzen und ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen hohen Betriebskosten, schwacher Nachfrage und zunehmender Konkurrenz durch Importmaterialien.

Besonders pointiert beschrieb Roeb einen Widerspruch, der die gesamte Diskussion prägt: Auf der einen Seite stehe der politische Druck hin zu mehr Rezyklateinsatz, auf der anderen Seite kämpfe der Markt darum, bestehende Recyclingkapazitäten überhaupt zu erhalten. Aus Sicht der Recycler gehe es deshalb nicht mehr nur darum, Kapazitäten auszubauen, sondern zunächst darum, vorhandene Anlagen vor dem Wegfall zu bewahren, bevor die künftige Nachfrage tatsächlich anzieht. Genau darin liege die zentrale Frage der Debatte: Was lässt sich jetzt tun, um Recyclingkapazitäten in Europa zu sichern und zugleich auf die kommende regulatorische Nachfrage vorbereitet zu sein?

0521 probst ifatDr. Thomas Probst zeichnete in seinem Impuls das Bild einer Branche, die zwar gebraucht werde, deren Marktmechanismen aber nicht mehr sauber funktionieren. Die Preisbildung bilde die Realität bei Rezyklaten nur unzureichend ab; zugleich liefen vor allem rPET-Flakes und -Granulate noch vergleichsweise gut, während das Recycling von Standardkunststoffen wie PO, PS und PVC sowie technischer Kunststoffe schwächele. Der Kern seiner Botschaft: „Die Qualität des Rezyklats beginnt mit der Qualität des Abfalls.“

Damit rückt Probst die Sortierung und Aufbereitung der Inputströme in den Mittelpunkt. Schlechte Abfälle führten zwangsläufig zu schlechteren Rezyklaten; die Branche brauche deshalb nicht nur mehr Material, sondern vor allem bessere Qualitäten und stabilere Rahmenbedingungen. Recycling müsse näher an die industrielle Anwendung heranrücken, damit Verarbeiter verlässlich mit geeigneten Rezyklaten arbeiten können.

0521 engmann ifatEngelmann setzte einen anderen Akzent und kritisierte vor allem die politische und regulatorische Architektur. Der Markt sei „preisgetrieben“, zugleich fehle ein kohärenter gesetzlicher Rahmen, der das Potenzial des Binnenmarkts besser nutze. Die Vorgaben für Rezyklateinsatz in Verpackung, Automobil und künftig Bau seien zu unterschiedlich – und genau das erschwere die Marktentwicklung.

Besonders deutlich wurde Engelmann bei der Einschätzung der Versorgungslücke. Die von Sartorius vorgestellten Szenarien seien vermutlich zu optimistisch, weil sich der Markt in den vergangenen zwei Jahren „geradezu katastrophal entwickelt“ habe. Das bisherige Business-as-usual-Szenario sei inzwischen wohl eher das realistische, das ambitioniertere Szenario eher ein Wunschbild. Hinzu komme erhebliche Rechtsunsicherheit, etwa bei Rezyklaten für Lebensmittelkontaktverpackungen und bei der Frage, wie EU-Quoten tatsächlich umgesetzt würden.

Dr. Martin Engelmann forderte deshalb vor allem politisches Handeln. Ein zentrales Instrument sei die sogenannte Ökomodulation der Lizenzgebühren: Verpackungen mit guter Recyclingfähigkeit und hohem Rezyklatanteil müssten günstiger werden als schlecht recycelbare Verpackungen ohne Rezyklat. „Das ist wahrscheinlich der wirksamste Hebel, um den Markt in die richtige Richtung zu lenken“, sagte er. Auch eine vorgezogene Anrechnung von heute bereits eingesetztem Rezyklat auf künftige Quoten könne helfen, die Nachfrage früher anzustoßen.

0521 sartorius ifatDr. Ingo Sartorius stellte die europäische Perspektive auf die Rezyklatversorgung in den Mittelpunkt. Nach den in seiner Präsentation zitierten Daten wurden 2022 in der EU-27 plus drei Ländern rund 32,3 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle aus Endverbraucherquellen gesammelt, daraus entstanden 7,7 Millionen Tonnen Rezyklate aus mechanischem Recycling, von denen 6,7 Millionen Tonnen in neue Produkte flossen. Für 2030 erwartet er eine Nachfrage von 13,072 Millionen Tonnen PCR-Rezyklaten, während das Angebot je nach Szenario bei 9,566 Millionen Tonnen oder 12,284 Millionen Tonnen liegen dürfte.

Aus dieser Rechnung ergibt sich laut Sartorius eine Lücke von 3,506 Millionen Tonnen im Business-as-usual-Fall und 788.000 Tonnen im ambitionierteren Szenario. Seine Schlussfolgerung: Selbst mit verbessertem Ausbau der Infrastruktur werde der Markt den Bedarf nicht vollständig decken. Zugleich verweist er darauf, dass die reale Lücke wegen nicht berücksichtigter Qualitätsanforderungen noch größer ausfallen könnte.

Trotz aller Differenzen gibt es eine gemeinsame Linie: Ohne bessere Sortierung, klarere Regeln, verlässlichere Nachfrage und stärkere wirtschaftliche Anreize wird der Markt für Kunststoffrezyklate nicht stabil funktionieren. Probst bringt die Qualitätsfrage auf den Punkt, Engelmann fordert einen handlungsfähigen Rechtsrahmen, Sartorius verweist auf die strukturelle Mengendifferenz und Roeb auf die akute Gefahr, dass bestehende Kapazitäten verloren gehen, bevor die Regulierung den Markt tatsächlich trägt. Zusammen ergibt das das Bild einer Branche, die als Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft gilt, ihre nächste Entwicklungsstufe aber nur mit politischen, technischen und wirtschaftlichen Reformen erreichen kann.

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