Der bvse informiert den Mittelstand über Abfall, Sekundärrohstoffe, Recycling und Entsorgung.

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180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, knapp 30 digitale Lösungen und ein gemeinsames Thema: Wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz die Recycling- und Entsorgungswirtschaft in der Praxis voranbringen können.

Beim ersten Digital Waste Day am 17. September 2026 im COREUM in Stockstadt am Rhein wurde deutlich: Die digitale Transformation der Branche ist längst keine Zukunftsvision mehr. Sie findet bereits im betrieblichen Alltag statt.

Die Idee zum Digital Waste Day entstand bei Moritz Gomm, Gründer des Entsorger Circle, während der vergangenen IFAT. Sein Ziel: An einem einzigen Tag möglichst viele innovative Digital- und KI-Lösungen für die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft zusammenzubringen und Unternehmen die Möglichkeit zu geben, unterschiedliche Ansätze unmittelbar kennenzulernen und miteinander zu vergleichen.

Gemeinsam mit dem bvse-Recycling Germany wurde die Idee nun umgesetzt. Der bvse war Veranstaltungspartner, moderiert wurde das Format gemeinsam mit Achim Birr, Arbeitskreis Datenmanagement in Umwelt und Abfallwirtschaft (ak dmaw). Die Veranstaltung fand hybrid statt und richtete sich an Geschäftsführer, Digitalverantwortliche sowie Fach- und Führungskräfte der Entsorgungs-, Recycling- und Kreislaufwirtschaft.

Der Digital Waste Day 2026 war jedoch nicht nur eine Präsenzveranstaltung, sondern auch ein Online-Event. Kompetent und unterhaltsam moderiert von Maxime Rehbock, bvse, Matthias Schwarzer und Andre Jäckering. Als wechselnde Gesprächspartner und Experten standen Alexander Kechter, Alexander Vogel, Alexander Balas, Anne Kathrin Antic, André Widmann, Hannes Berteit, Dr. Sebastian Felder den mehr als 50 Teilnehmer:innen zur Verfügung.

0921 moritz gomm eric rehbockMoritz Gomm (li.) und Eric Rehbock (re.)

Moritz Gomm begrüßte rund 180 Teilnehmer vor Ort und online. bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock machte in seiner Begrüßung deutlich, dass Digitalisierung und Künstliche Intelligenz inzwischen auch im Mittelstand und in der Recyclingwirtschaft angekommen seien. „Wir wollen weiter Feuer in dieses Zukunftsthema bringen!“, erklärte Rehbock.

Weniger KI-Hype, mehr praktischer Nutzen

Genau dieser Praxisbezug prägte den Digital Waste Day. Es ging weniger um die Frage, was KI theoretisch irgendwann leisten könnte, sondern darum, welche konkreten Probleme heute bereits mit digitalen Lösungen gelöst werden können.

Ein Beispiel dafür lieferte die Präsentation von Theresa Schuhmann, Geschäftsführerin, und Robert Werner, CCO der orbitsandpieces GmbH. Ihr Thema war die KI-gestützte Sortierung und Bewertung von Elektrogeräten, Bauteilen und Materialien. Gerade bei zunehmenden Gerätevarianten, kürzeren Produktzyklen und unterschiedlichen Verwertungswegen von Reuse über Aufbereitung und Demontage bis zum Recycling werden Sortierentscheidungen immer komplexer. Gleichzeitig befindet sich das dafür erforderliche Erfahrungswissen häufig in den Köpfen einzelner Mitarbeiter.

Der Ansatz von orbitsandpieces besteht darin, diese Entscheidungslogik digital abzubilden. Ein Foto mit Kamera oder iPad soll ausreichen, um beispielsweise Gerät, Marke, Modell, Zustand, Komponente oder Materialklasse zu erkennen und eine Empfehlung für den nächsten Prozessschritt zu geben. KI wird damit nicht zum Selbstzweck, sondern zu einem Werkzeug, um vorhandenes betriebliches Wissen verfügbarer und unabhängig von einzelnen Personen nutzbar zu machen. Nach Angaben des Unternehmens kann nach der Erfassung der betriebseigenen Fraktionen und des vorhandenen Sortierwissens innerhalb von vier bis sechs Wochen ein Pilotbetrieb gestartet werden.

Auch Optocycle zeigte, wie digitale Materialanalyse eingesetzt werden kann. Hannes Berteit stellte einen Ansatz vor, mit dem Stoffströme lückenlos dokumentiert und Prozesse begleitet werden können.

Sicherheit: Wenn KI Lithium-Batterien erkennt

Besonders greifbar wird der Nutzen digitaler Technologien beim Brandschutz. Dominik Ländner, Technical Sales Manager bei WeSort.AI, zeigte, wie KI-basierte Systeme gefährliche Batterien und andere Störstoffe in laufenden Stoffströmen erkennen und ausschleusen können.

Bei der vorgestellten Lösung X.Sort werden Röntgentechnologie und KI kombiniert. Dadurch lassen sich unter anderem Lithium-Ionen-Batterien, E-Zigaretten, Powerbanks, Akkugeräte oder Smartphones erkennen, die mit herkömmlichen optischen Kameras nicht oder nur schwer identifiziert werden können. Ein Praxisbeispiel ist die LVP-Sortieranlage von PreZero Sorting Austria in Sollenau, in der das System unmittelbar nach dem Gebindeöffner eingesetzt wird.

Die von WeSort.AI präsentierten Zahlen verdeutlichen die Dimension des Problems: Das Unternehmen geht von rund 30 Bränden täglich in Sammlung und Aufbereitung aus, etwa 80 Prozent davon sollen durch Lithium-Batterien verursacht werden. Die Angaben sind als Unternehmensangaben einzuordnen.

Digitalisierung kann hier somit zwei Ziele miteinander verbinden: mehr Sicherheit für Beschäftigte und Anlagen und zugleich eine bessere Rückgewinnung von Wertstoffen.

Das digitale Yard beginnt nicht bei der Waage

Wie Digitalisierung ganze Betriebsabläufe verändern kann, zeigte André Groeters von PAARI am Beispiel des „digitalen Yards“. Ausgangspunkt ist die Waage – doch der eigentliche Nutzen entsteht erst durch die Vernetzung des gesamten Prozesses.

Beim von PAARI vorgestellten Beispiel des Ersatzbrennstoff-Kraftwerks der Progroup AG müssen rund 400 Fahrzeuge täglich abgefertigt werden. Self-Check-in, Zutrittskontrolle, Stoffstromsteuerung und automatische Verwiegung werden miteinander verbunden und bestehende Systeme wie ERP und eANV integriert. Dadurch sollen Fahrzeuge schneller und transparenter durch den gesamten Prozess geführt werden. Nach Angaben von PAARI können Verwiegungsprozesse auf diese Weise um bis zu 50 Prozent beschleunigt werden.

PAARI beschreibt den Ansatz ebenfalls als Vernetzung von Wägetechnik, Software, Self-Service-Lösungen und digitaler Prozesssteuerung zu einem durchgängigen Informationsfluss. ([Paari GmbH][2])

Das Beispiel zeigt ein grundsätzliches Prinzip der Digitalisierung: Entscheidend ist nicht unbedingt, einen einzelnen Arbeitsschritt schneller zu machen. Entscheidend ist, Medienbrüche und manuelle Zwischenschritte entlang der gesamten Prozesskette zu reduzieren.

Digitale Bestände statt Inventur auf Zuruf

Einen anderen Anwendungsfall präsentierte Dr. Harry Staeglich von Sachtleben Technology. Ausgangspunkt war eine ganz praktische Frage: Wie lässt sich jederzeit feststellen, welche Mengen und Qualitäten tatsächlich auf Lager sind?

Mit OWL EYE® setzt das Unternehmen auf LiDAR-Technologie. Schüttgüter können damit kontaktlos und in Echtzeit auf Halden, Förderbändern, in Bunkern oder an Lkw-Terminals vermessen werden. Auf Förderbändern kann aus Querschnittsprofil und Bandgeschwindigkeit kontinuierlich der Volumenstrom ermittelt werden. Für die Volumenmessung nennt das Unternehmen eine Genauigkeit von ±1 Prozent.

Mit Mobile Mapping lässt sich darüber hinaus ein digitaler Zwilling von Halden erstellen. Auf Radladern, Baggern oder Muldenkippern montierte LiDAR-Systeme erfassen die Bestände während des normalen Betriebs. Aus den Messpunkten entsteht ein kontinuierlich aktualisiertes Bestandsmodell.

Damit wird aus der klassischen punktuellen Inventur eine kontinuierliche Bestandskontrolle – mit möglichen Vorteilen für Logistik, Sicherheit und Berichtswesen.

Der Wertstoffhof wird digital

Auch beim Wertstoffhof kann Digitalisierung weit über die reine Verwiegung hinausgehen. Ing. Gernot Scheibenpflug von Gassner Wiege & Messtechnik zeigte, wie Zutritt, Identifikation, Verwiegung, Abrechnung und Daten zu einem durchgängigen Prozess verbunden werden können.

Nutzer können beispielsweise per App oder RFID identifiziert werden. Zufahrt und Ausfahrt lassen sich automatisieren, ebenso die Verwiegung und Abrechnung. Container- und Bodenwaagen können in einen digitalen Ablauf integriert werden; auch 24/7-Selbstbedienungslösungen sind möglich.

Das Ziel ist dabei nicht die Digitalisierung einzelner Geräte, sondern die Verbindung der einzelnen Prozessschritte. Aus einer Waage, einem Zutrittssystem und einer Bezahlfunktion wird ein integriertes digitales System.

Intelligente Tourenplanung: Nicht fahren, wenn es nicht notwendig ist

Dass Digitalisierung nicht immer zusätzliche Sensorik erfordert, zeigte Peter Jung von zebrafant.ai. Bei der Altglassammlung können Füllstände beispielsweise vor der Leerung per Smartphone erfasst werden. Die KI lernt das individuelle Füllverhalten der Standorte und kann daraus bedarfsgerechte Touren ableiten. In einem vorgestellten Kundenbeispiel sank der Aufwand für drei Gebiete von 13 auf acht Leerungstage – bei gleichbleibender Servicequalität.

Einen anderen Ansatz präsentierte Marc Meidt von MOBA Mobile Automation. Hier liefern Füllstandssensoren und Temperaturmessungen die Datenbasis für eine dynamische Tourenplanung. Als Praxisbeispiel wurde ein Smart-City-Projekt in Saragossa vorgestellt, bei dem laut Präsentation 11.000 Sensoren eingesetzt werden. Genannt wurden unter anderem 10.000 Kilometer eingesparte Fahrleistung und eine CO₂-Einsparung von mehr als acht Tonnen. Auch diese Zahlen sind als Angaben aus der Präsentation einzuordnen.

Peter Michael Bickel von Couplink machte deutlich, dass intelligente Tourenplanung weit über die Suche nach dem kürzesten Weg hinausgeht. Fahrzeugtypen, Kapazitäten, Ladungskombinationen, Zeitfenster sowie Fahrer- und Fahrzeugrestriktionen machen die Planung zu einer komplexen Optimierungsaufgabe. KI kann dabei helfen, das Erfahrungswissen aus der Disposition in Entscheidungsmodelle zu überführen.

ERP wird von der Verwaltung zur Schaltzentrale

Einen Blick auf die Zukunft der Unternehmenssoftware warf der Themenblock „The Future of ERP“. Sechs Anbieter und Experten präsentierten unterschiedliche Perspektiven darauf, wie KI und Automatisierung die betrieblichen Prozesse verändern können.

Deutlich wurde dabei ein grundlegender Wandel: Das ERP-System soll künftig nicht mehr lediglich Prozesse dokumentieren. Es kann zunehmend selbst Informationen verarbeiten, Abläufe anstoßen und Mitarbeitende bei Entscheidungen unterstützen.

Stefan Riedl von COSMO CONSULT zeigte beispielsweise ein Szenario, in dem KI-Agenten die Prozesskette von der Kundenanfrage über Auftrag und Disposition bis zum Fahrauftrag und zur Rechnung unterstützen. Sascha de Boer von Qonny stellte dagegen das Telefon als digitale Eingabemaske in den Mittelpunkt. Ein KI-gestützter Abfallberater soll Kundenanfragen aufnehmen, beantworten und – wo erforderlich – direkt an das ERP übergeben.

Für den Landkreis Leer wurden in der Präsentation konkrete Ergebnisse genannt: Zwischen Juli und Mitte September 2026 seien 58 Prozent der Anrufe automatisch abgewickelt worden, 29 Prozent seien an Mitarbeitende weitergeleitet worden.

Digitalisierung muss einen konkreten Mehrwert schaffen

Der erste Digital Waste Day hat vor allem eines gezeigt: Die Digitalisierung der Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft findet auf vielen Ebenen gleichzeitig statt. KI erkennt Batterien, unterstützt Sortierentscheidungen, optimiert Touren und automatisiert Kundenkommunikation. Digitale Systeme vernetzen Waagen, Zufahrten, ERP-Systeme und Stoffströme. LiDAR macht Lagerbestände transparent.

Dabei ist der gemeinsame Nenner weniger die Technologie als der konkrete betriebliche Nutzen. Digitalisierung kann dann besonders interessant werden, wenn sie Fachwissen verfügbar macht, manuelle Prozesse reduziert, Sicherheit erhöht, Stoffströme transparenter macht oder bessere Entscheidungen ermöglicht.

Genau diesen Ansatz verfolgt auch der Digital Waste Day: Statt einzelne Anbieter über einen längeren Zeitraum recherchieren zu müssen, konnten die Teilnehmer zahlreiche Lösungen an einem Tag kennenlernen, vergleichen und unmittelbar mit Anbietern und Anwendern diskutieren. Der bvse hatte bereits im Vorfeld hervorgehoben, dass dieses direkte Nebeneinander verschiedener Lösungen ein zentraler Bestandteil des Formats sein sollte.

Die Resonanz spricht für das Konzept. Nach Angaben der Veranstalter wollten 94 Prozent der Teilnehmer im kommenden Jahr wieder dabei sein. Der nächste Digital Waste Day ist für den 12. Oktober 2027 im COREUM angekündigt. Damit dürfte aus der Idee, die Moritz Gomm bei der IFAT entwickelt hat, ein regelmäßiges Branchentreffen für Digitalisierung, KI und Innovation in der Kreislaufwirtschaft werden.

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