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Sammelaufkommen in Deutschland steigt auf 1,3 Millionen Tonnen. Wiederverwendung sinkt auf 44 Prozent. Thermische Verwertung verdoppelt sich. bvse fordert verbindliche Einsatzquote von 30 Prozent Textil-zu-Textil-Rezyklat.

Deutschland sammelt mehr Alttextilien denn je. Gleichzeitig nimmt der wirtschaftliche und ökologische Wert dieser Sammlung kontinuierlich ab. Das zeigt die neue bvse-Textilstudie 2026 „Bedarf, Konsum, Wiederverwendung, Recycling und Verwertung von Bekleidung und Textilien in Deutschland“.

„Unsere Branche steht heute an einem anderen Punkt als noch vor fünf Jahren. Wir haben nicht nur mehr Alttextilien zu bewältigen. Wir bekommen zugleich immer weniger Qualität, immer weniger wiederverwendbare Ware und immer mehr Material, dessen Sortierung, Recycling oder Entsorgung Geld kostet“, erklärt Marwin Gedenk, Vorsitzender des bvse-Fachverbands Textilrecycling.

Das tatsächliche Sammelaufkommen ist zwischen 2018 und 2023 um rund 50.000 Tonnen auf 1,3 Millionen Tonnen gestiegen. Der Mengenanstieg bedeutet jedoch nicht, dass mehr hochwertige Wertstoffe zur Verfügung stehen. Vielmehr spiegeln die steigenden Sammelmengen einen höheren Textilkonsum und immer kürzere Nutzungszyklen wider.

„Mehr Menge ist heute nicht mehr gleich mehr Wert“, so Gedenk.

Qualität der Sammelware verschlechtert sich

Gleichzeitig verschlechtert sich die Qualität der erfassten Ware. Der Anteil an Fremd- und Störstoffen lag 2018 noch bei rund 10,8 Prozent. Heute sind es 15 bis 20 Prozent. Bis zu jedes fünfte erfasste Kilogramm muss damit bereits an der Sammelstelle aussortiert und kostenpflichtig entsorgt werden.

„Diese Entwicklung belastet die Unternehmen gleich doppelt: Die Entsorgungskosten steigen, während gleichzeitig der Anteil hochwertiger und vermarktbarer Ware sinkt. Die Kosten entstehen damit bereits vor Beginn der eigentlichen Sortierung“, so Gedenk.

Was steckt im Altkleidercontainer?

Für die praktische Sortieranalyse wurden 780 Kilogramm Originalsammelware aus Altkleidercontainern händisch sortiert und kategorisiert. Nur 45,3 Prozent entfielen auf Bekleidung, 7,7 Prozent auf Heimtextilien und 13,7 Prozent auf Schuhe. Dem standen 11,1 Prozent Recyclingmaterial, 1,4 Prozent Verpackungen sowie 20,5 Prozent textiler Müll beziehungsweise Restmüll gegenüber.

Auch Bekleidung, Heimtextilien und Schuhe sind nicht automatisch wiederverwendbar. Ob sie erneut genutzt werden können, entscheidet sich erst bei der sorgfältigen Sortierung.

Die vertiefte Analyse von 1.494 Einzelstücken zeigt zudem: 62,6 Prozent der untersuchten einlagigen Kleidungsstücke enthalten nichttextile Bestandteile wie Reißverschlüsse, Knöpfe, Nieten oder andere Applikationen.

„Genau solche Produktgestaltungen erschweren das hochwertige Textil-zu-Textil-Recycling erheblich. Das zeigt: Viele Recyclingprobleme entstehen bereits beim Produktdesign – lange bevor ein Kleidungsstück im Container landet“, erklärt Gedenk.

Recyclingprobleme beginnen beim Produktdesign

Die Analyse macht deutlich, dass die Voraussetzungen für hochwertiges Recycling bereits bei der Herstellung der Textilien geschaffen werden. Schwer trennbare Materialien und nichttextile Bestandteile erschweren die spätere Aufbereitung.

Aus Sicht des bvse muss deshalb künftig vor dem Inverkehrbringen nachgewiesen werden, dass Textilien unter realen industriellen Bedingungen tatsächlich recyclingfähig sind. Eine theoretische Behauptung oder ein Marketingversprechen reichen nicht.

Wiederverwendung sinkt – thermische Verwertung steigt

Entsprechend haben sich die Verwertungswege verschoben. Der Anteil der Wiederverwendung sank zwischen 2018 und 2023 von 62 auf 44 Prozent. Der Recyclinganteil stieg von 26 auf 35 Prozent, die thermische Verwertung von 12 auf 21 Prozent.

„Die Wiederverwendung bleibt der ökologisch sinnvollste Verwertungsweg. Sie verliert jedoch aufgrund sinkender Qualitäten und wegbrechender Absatzmärkte zunehmend an Bedeutung“, so Gedenk.

Nicht einmal mehr jedes zweite Alttextil kann heute einem weiteren Nutzungszyklus zugeführt werden. Gleichzeitig wird inzwischen mehr als jedes fünfte Textil thermisch verwertet.
„Die Studie zeigt eine nahezu Verdoppelung dieses Anteils innerhalb von nur fünf Jahren. Das ist ein deutliches Warnsignal für die Kreislaufwirtschaft“, macht Gedenk deutlich.

Aus einem Wertstoffsystem wird zunehmend eine Entsorgungsaufgabe

Für die Unternehmen bedeutet diese Entwicklung eine grundlegende Veränderung ihres Geschäftsmodells. Früher konnten die Erlöse aus gut erhaltener Second-Hand-Ware einen wesentlichen Teil der Sammlung, Sortierung und Verwertung finanzieren. Dieses Modell funktioniert immer weniger. Die Absatzmärkte sind unsicherer geworden, die Qualität der Sammelware ist gesunken und die Kosten für Personal, Energie, Transport und Entsorgung sind deutlich gestiegen.

Kipp-Punkt erreicht

„Aus einem überwiegend erlösfinanzierten Wertstoffsystem wird zunehmend eine kostenpflichtige Entsorgungsaufgabe“, macht Gedenk deutlich. „Genau deshalb sprechen wir von einem Kipp-Punkt. Dieser Kipp-Punkt betrifft nicht nur einzelne Unternehmen. Er gefährdet die gesamte Infrastruktur der Alttextilsammlung und -sortierung.“

Wenn Sammel- und Sortierbetriebe vom Markt verschwinden, fehlen wichtige Strukturen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Dieser Kipp-Punkt ist kein Naturgesetz, sondern kann durch die richtigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen überwunden werden ist Gedenk überzeugt.

EPR als entscheidender Hebel

Ziel müsse es sein, möglichst viele Textilien so lange wie möglich im Nutzungskreislauf zu halten. Was nicht wiederverwendet werden könne, müsse hochwertig recycelt werden. Dafür brauche es innovative Recyclingtechnologien, definierte Materialströme und vor allem einen verlässlichen Markt für textile Rezyklate.

Die Erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) sei dabei der entscheidende Hebel. Sie dürfe jedoch kein reines Registrierungs- oder Verwaltungsmodell werden.

„Die Mittel müssen dort ankommen, wo Kreislaufwirtschaft tatsächlich stattfindet: bei Sammlung, qualitätsorientierter Sortierung, automatisierter Materialtrennung und hochwertigem Recycling.“

bvse mit drei zentralen Forderungen

Aus der bvse-Textilstudie und aus der betrieblichen Erfahrung leitet der Verband drei zentrale Forderungen ab:

  1. 30 Prozent Textil-zu-Textil-Rezyklat verbindlich einsetzen
    Der bvse fordert eine verbindliche Rezyklateinsatzquote von 30 Prozent für Textil-zu-Textil-Rezyklate. Sie soll einen verlässlichen Absatzmarkt schaffen und Investoren und Anlagenbetreibern die Sicherheit geben, dass erzeugte Recyclingfasern tatsächlich abgenommen werden.
  2. Recyclingfähigkeit muss vor dem Inverkehrbringen nachgewiesen werden
    „Recycling beginnt beim Produktdesign.“ Künftig müsse vor dem Inverkehrbringen nachgewiesen werden, dass Textilien unter realen industriellen Bedingungen tatsächlich recyclingfähig sind. Eine theoretische Behauptung oder ein Marketingversprechen reichten nicht.
    Der Digitale Produktpass müsse zu einem echten Arbeitsinstrument werden und Informationen über Faserzusammensetzung, Beschichtungen, chemische Ausrüstungen und weitere relevante Produktmerkmale bereitstellen.
  3. Die zweistufige Sortierung muss zum Zukunftsmodell werden
    Die Wiederverwendung bleibt der ökologisch bevorzugte Weg. Deshalb brauche es in der ersten Stufe weiterhin die manuelle Qualitätssortierung. In der zweiten Stufe müssten nicht wiederverwendbare Textilien automatisiert oder teilautomatisiert nach Fasern und weiteren Materialmerkmalen sortiert werden.

„Die Technik ersetzt die manuelle Wiederverwendungssortierung nicht – sie ergänzt sie“, betont Gedenk.

Bestehende Infrastruktur muss erhalten werden

Die drei Schritte gehören aus Sicht des bvse zusammen: Ohne Rezyklateinsatzquote fehlt die Nachfrage. Ohne Nachweis der Recyclingfähigkeit fehlen geeignete Produkte. Ohne zweistufige Sortierung fehlen definierte Materialströme für die Anlagen.

Gleichzeitig müsse die bestehende Infrastruktur erhalten werden. Neue Sortier- und Recyclinganlagen entstünden nicht über Nacht.„Wenn heute Sammler und Sortierer aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben, fehlen genau diese Strukturen, sobald die Herstellerverantwortung greift“, erklärt der Fachverbandsvorsitzende.

Der Appell des bvse lautet deshalb: Die bestehende Sammel- und Sortierinfrastruktur muss bis zum Wirksamwerden der EPR wirtschaftlich stabilisiert werden.

Parallel dazu müssten Regeln, Investitionsprogramme und Absatzinstrumente vorbereitet werden. Die EPR müsse praxistauglich ausgestaltet werden und mit verbindlicher Nachfrage den Ausbau des Textil-zu-Textil-Recyclings anstoßen.

„Die Branche ist bereit, diesen Weg zu gehen. Sie investiert bereits heute in Sammlung, Sortierung und Recycling. Was sie aber nicht länger allein tragen kann, sind die Folgekosten immer kurzlebiger und immer schlechter recyclingfähiger Produkte. Dafür braucht es jetzt die richtigen politischen Rahmenbedingungen.“

Über die bvse-Textilstudie 2026
Die neue bvse-Textilstudie 2026 „Bedarf, Konsum, Wiederverwendung, Recycling und Verwertung von Bekleidung und Textilien in Deutschland“ knüpft an die bvse-Textilstudie von 2020 an und geht deutlich darüber hinaus. Sie aktualisiert die Mengen- und Marktdaten und erweitert die Betrachtung um die technologische Frage, welche Materialzusammensetzungen tatsächlich im Alttextilstrom vorkommen und welche Voraussetzungen für ein hochwertiges Textil-zu-Textil-Recycling erfüllt sein müssen.

Die Studie verbindet drei Perspektiven: Mengen- und Marktentwicklung, praktische Sortier- und Materialanalyse sowie die rechtliche und politische Entwicklung auf europäischer und nationaler Ebene.

Für die praktische Sortieranalyse wurden 780 Kilogramm Originalsammelware aus Altkleidercontainern händisch sortiert. Aus Bekleidung und Heimtextilien wurden 1.494 Einzelstücke vertieft ausgewertet. Neben Zustand, Produktaufbau und nichttextilen Bestandteilen wurde bei den einlagigen Textilien die Materialzusammensetzung mithilfe von Pflegeetiketten und mobiler Nahinfrarot-Spektroskopie untersucht.

Wissenschaftlicher Partner war das Center Textillogistik des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML und der Hochschule Niederrhein.

Die Mengen- und Sortierdaten beziehen sich im Wesentlichen auf das abgeschlossene Wirtschaftsjahr 2023. Die Preisentwicklung der Originalsammelware wird bis 2025 abgebildet. Die regulatorischen Kapitel geben den Stand zum Zeitpunkt der Erstellung der Studie wieder.

>>> Die bvse-Textilstudie 2026 zum Download

Weitere Informationen und Grafiken zum Download finden Sie unter: www.bvse.de/gut-informiert-textil-recycling/studie-2026

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