Recycling Europe und bvse-Recycling Germany warnen vor systematischen Fehlanreizen bei der Definition „grüner Stahlprodukte" – und fordern eine wissenschaftlich fundierte Methodik.
Die Recyclingverbände erheben schwerwiegende methodische Bedenken gegenüber der sogenannten Sliding-Scale-Methode, die von einzelnen Marktteilnehmern als Instrument zur Klassifizierung „grüner Stahlprodukte" vorgeschlagen wird. Beide Verbände befürworten grundsätzlich einen wissenschaftlich gestützten Ansatz zur Förderung des Schrotteinsatzes in der Stahlerzeugung – lehnen die vorliegende Methodik jedoch als ungeeignet ab.
Kern der Kritik ist die inhärente Systematik der Sliding Scale: Mit steigendem Schrottanteil im Produktionsprozess werden die CO₂-Grenzwerte für die Einstufung als „grüner Stahl" progressiv verschärft. De facto werden damit Hersteller, die konsequent auf Sekundärrohstoffe setzen, gegenüber solchen benachteiligt, die stärker auf primäre, eisenerzbasierte Rohstoffe zurückgreifen. Diese Rohstoffe werden nahezu vollständig aus Drittstaaten importiert – was die bestehende Importabhängigkeit der EU strukturell verfestigt, anstatt sie abzubauen.
bvse-Experte Johannes Hanke kritisiert: "Die Sliding-Scale-Methode konterkariert das Ziel geschlossener Materialkreisläufe im Stahlsektor und setzt Fehlanreize, die einer kreislauforientierten Dekarbonisierungsstrategie diametral entgegenstehen."
Aus methodischer Sicht weisen Recycling Europe und bvse-Recycling Germany darauf hin, dass Lebenszyklusanalysen je nach Systemgrenzen und zugrunde gelegten Datensätzen zu erheblich unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Umso wichtiger sei es, auf unparteiische, quantifizierbare Kriterien und belastbare Datenbasis zu setzen, um Greenwashing wirksam zu unterbinden. Eine Klassifizierungsmethode, die kohlenstoffintensivere und weniger kreislauforientierte Produktionspfade strukturell begünstigt, erfüllt diese Anforderung nicht.
Hinzu kommt die versorgungspolitische Dimension: Stahlschrotte stehen in der EU in ausreichender Menge zur Verfügung und übersteigen den derzeitigen Verarbeitungsbedarf. Ihr Einsatz bietet nicht nur das größte Dekarbonisierungspotenzial, sondern stärkt zugleich die Versorgungssicherheit und fördert die Schließung von Materialkreisläufen – zwei erklärte Ziele der europäischen Industriepolitik.
Die Recyclingverbände fordern daher Entscheidungsträger in Industrie, Normungsgremien und Politik auf, die Definition „grünen Stahls" konsequent an wissenschaftlich fundierten und ökologisch belastbaren Kriterien auszurichten. Das Label darf keine Lenkungsfunktion zugunsten emissionsintensiverer Produktionsverfahren übernehmen, sondern muss auf Transparenz, Vergleichbarkeit und methodischer Neutralität beruhen.






