Aus Reststoffen der Hygienepapierproduktion entstehen neue Bau- und Innenausbauprodukte.
Die WEPA Gruppe und das spanische Unternehmen Honext Material investieren rund 39 Millionen Euro in eine neue Produktionsanlage im sächsischen Kriebstein. Ein eigens entwickeltes Verfahren ermöglicht die Herstellung vollständig recycelbarer Faserplatten ohne Leim.
Am traditionsreichen Papierstandort Kriebstein in Sachsen sollen künftig Reststoffe aus der Hygienepapierproduktion der WEPA Gruppe zu hochwertigen Faserplatten verarbeitet werden. Gemeinsam mit dem spanischen Materialspezialisten Honext Material investiert WEPA rund 39 Millionen Euro in den Aufbau von zwei Produktionslinien. Die Rohstoffe stammen unmittelbar aus der bestehenden Hygienepapierproduktion am Standort und werden dort zu neuen Produkten für die Bau- und Innenausbaubranche verarbeitet. Nach Unternehmensangaben handelt es sich um die erste Fabrik dieser Art in Europa.
Grundlage ist ein von Honext Material entwickeltes Verfahren, mit dem zellulosehaltige Reststoffe zu stabilen Faserplatten aufbereitet werden. Die Technologie ist das Ergebnis von mehr als zehn Jahren Forschung und Entwicklung. Anders als bei herkömmlichen Holzwerkstoffplatten wird bei der Herstellung auf zusätzliche Bindemittel wie Leim verzichtet.
Die unter dem Markennamen HONEXT® vertriebenen Platten bestehen vollständig aus aufbereiteten Recyclingfasern und ergänzenden Faserstoffen aus der Hygienepapierproduktion. Sie zeichnen sich durch geringes Gewicht, hohe Stabilität und gute akustische Eigenschaften aus. Zudem sind sie vollständig recycelbar. Einsatzmöglichkeiten bestehen insbesondere bei Innenraumverkleidungen, Akustikelementen, im Messebau und bei der Gestaltung von Innenräumen.
Industrielle Zusammenarbeit verbindet Technologie und Rohstoffbasis
Für die industrielle Umsetzung haben sich die WEPA Gruppe mit Hauptsitz im nordrhein-westfälischen Arnsberg-Müschede und Honext Material aus Barcelona zu einem Joint Venture zusammengeschlossen. Die Partner bringen unterschiedliche Kompetenzen ein: Honext verfügt über die Verfahrenstechnologie und Erfahrung bei der Entwicklung kreislauffähiger Bauprodukte. WEPA steuert seine industrielle Infrastruktur, Produktionskompetenz und den Zugang zu geeigneten Faserstoffen bei.
Die neue Anlage wird auf einem benachbarten Gelände des bestehenden WEPA-Werks in Kriebstein errichtet. Dort produziert das Unternehmen bislang mit rund 275 Beschäftigten Hygieneprodukte wie Taschen- und Kosmetiktücher.
Ein wesentlicher wirtschaftlicher Vorteil des Vorhabens liegt in der unmittelbaren Verbindung von Rohstoffanfall und Weiterverarbeitung. Die bei der Hygienepapierproduktion anfallenden Faserstoffe können direkt am Standort genutzt werden. Damit entstehen zusätzliche Wertschöpfungsmöglichkeiten aus industriellen Reststoffen.
Zugleich erschließt sich WEPA mit der Faserplattenproduktion ein neues Geschäftsfeld außerhalb des klassischen Hygienepapiermarktes. Für Honext bietet die Kooperation die Möglichkeit, seine Technologie gemeinsam mit einem etablierten Industriepartner in größerem Maßstab einzusetzen und den europäischen Markt zu bedienen.
Neuer Absatzmarkt für Recyclingfasern
Das Vorhaben zeigt, wie sich durch die industrielle Weiterverarbeitung von Reststoffen zusätzliche Absatzmärkte für Sekundärrohstoffe erschließen lassen. Statt ausschließlich auf traditionelle Verwertungswege zu setzen, werden zellulosehaltige Faserstoffe zu einem eigenständigen Produkt mit neuen Einsatzmöglichkeiten verarbeitet.
Für die Bau- und Innenausbaubranche entsteht damit eine Alternative zu konventionellen Plattenwerkstoffen. Die Verbindung aus Recyclingfasern, Verzicht auf zusätzliche Klebstoffe und erneuter Recyclingfähigkeit soll insbesondere dort Marktchancen eröffnen, wo kreislauffähige Materialien gefragt sind.
Die Vermarktung der HONEXT®-Platten ist europaweit vorgesehen. Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg wird sein, ob sich die neuartigen Produkte hinsichtlich Qualität, Preis und Verfügbarkeit gegenüber etablierten Werkstoffen behaupten können.
Finanzierung durch EIB und Freistaat Sachsen
Die Investition wird durch öffentliche Finanzierungsmittel unterstützt. Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellt ein Darlehen über 22,4 Millionen Euro bereit. Hinzu kommt ein Zuschuss des Freistaates Sachsen in Höhe von 9,85 Millionen Euro aus dem Bund-Länder-Programm zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur (GRW).
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter bezeichnete das Vorhaben bei der Übergabe des Förderbescheids als beispielhaft für die Kreislaufwirtschaft. Die Faserplatten aus Kriebstein seien innovativ und international vermarktbar. Das Projekt habe deshalb Vorbildcharakter weit über Sachsen hinaus.
Auch WEPA-Vorstandsvorsitzender Martin Krengel sieht in der neuen Produktionsstätte einen wichtigen Schritt für die Weiterentwicklung des Unternehmensstandorts. Die Investition eröffne neue Perspektiven für Kriebstein und verbinde die industrielle Tradition der Papierherstellung mit neuen Anwendungen der Kreislaufwirtschaft.
Mit dem Aufbau der beiden Produktionslinien wollen WEPA und Honext demonstrieren, dass sich Reststoffe der Papierindustrie nicht nur stofflich verwerten, sondern auch zu höherwertigen, marktfähigen Produkten weiterentwickeln lassen. Gelingt die industrielle Umsetzung, könnte das Verfahren neue Verwertungswege für zellulosehaltige Sekundärrohstoffe eröffnen.