Der bvse informiert den Mittelstand über Abfall, Sekundärrohstoffe, Recycling und Entsorgung.

Menu
Sie sind hier:

Eventuelle Exportschrottbeschränkungen wirken destruktiv

Sebastian Will, Vizepräsident des Bundesverbandes Sekundarrohstoffe und Entsorgung (BVSE), sprach mit Davis Index über die deutsche Recyclingindustrie und die Auswirkungen möglicher europäischer Schrottexportbeschränkungen.

0625 sebastian will bvsebvse-Vizepräsident Sebastian Will: Altschrottqualitäten sind gut verfügbarDavis Index: Wie hat sich in diesem Jahr bisher die deutsche Recyclingindustrie entwickelt?

Sebastian Will: Das Geschäft lief etwas schleppend, nachdem wir letztes Jahr von COVID-19 getroffen wurden und viele unserer Kollegen fürchteten um ihr Geschäft. Aber ich muss zugeben, dass wir nach mehr als einem Jahr mit Lockdowns und wirtschaftlichen Turbulenzen, mit einem blauen Auge davon gekommen sind.

Die Auswirkungen der Pandemie auf die Recyclingindustrie waren geringer als in den meisten anderen Branchen, so dass wir weitgehend ungeschoren davonkamen. Darüber hinaus wurde die wirtschaftliche Erholung ab Dezember 2020 durch die Stahlnachfrage angetrieben, die das Schrottangebot in einem Rekordtempo übertraf. Bezogen auf die Preise, die Nachfrage und das Geschäft hat dieses Jahr ein Niveau erreicht, wie zuletzt 2008.

Davis Index: Wie sind derzeit die Schrottströme in Deutschland?

Sebastian Will: Die Materialflüsse scheinen auf einem auskömmlichen Niveau zu verharren. Anfangs hatten wir einige Probleme, da sich der Mangel an verfügbaren Halbleitern und die Blockade des Suezkanals, negativ auf die Automobilindustrie und die Produktion im Allgemeinen ausgewirkt hat. Dennoch sind jetzt Altschrottqualitäten aufgrund verstärkter Sammelanstrengungen und zahlreicher Anlagenmodernisierungen, die in 2020 verschoben wurden, gut verfügbar.

Davis Index: Wo sehen Sie derzeit die Nachfrage nach Eisenschrott und welches Material ist in diesem Jahr bei den Käufern am beliebtesten?

Sebastian Will: Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich, was sich in den jüngsten Preissprüngen widerspiegelt.

Bis Mai wurde diese Entwicklung durch die starke internationale Nachfrage aus den boomenden Volkswirtschaften der USA und Chinas unterstützt, wenn nicht sogar angetrieben. Im Mai-Juni übertrafen die Inlandspreise jedoch die internationalen Preise. Ein eher seltenes Schauspiel. Neu für uns war auch, dass sich die Schere , zunächst in Bezug auf die Nachfrage und  dann auch bei den Preisen für Neu- und Altschrotte immer weiter öffnete. Die Stahlwerke begannen plötzlich, Neuschrott für ihre Produktion zu bevorzugen.

Zunächst dachten wir in der Branche, dass dies von einer bevorzugten Produktion hochwertiger Stahlgüten in den Werken herrühren würde, deren Nachfrage besonders robust ist. Aber das war eine Fehlannahme, denn vergleichbare hochwertige Altschrotte werden seit mehr als sechs Monaten gemieden und knapper Neuentfall ist heiß begehrt. Dies ist ein eigentümliches  Marktumfeld für Marktteilnehmer, die sich auf die Herstellung von qualitätsgesicherten Altschrottsorten spezialisiert haben.

Davis Index: Wie profitieren die Stahlhersteller von der Verwendung von Schrott als Rohmaterial?

Sebastian Will: Dies ist ein weitreichendes Thema, das eine viel detailliertere Untersuchung erfordert, aber im Wesentlichen sind die Hauptvorteile wie folgt:

•    Stahlschrott ist der Prototyp für Recyclingfähigkeit und Kreislaufwirtschaft im Sinne der EU.
     Grenzenlose Wiederaufbereitung nahezu ohne Verlust der Werkstoffeigenschaften.
•    Die primärrohstoffintensive Rohstahlerzeugung wird durch den Einsatz von Rezyklaten ersetzt.
•    Schrott wird meist lokal erzeugt und verbraucht, so dass die Verfügbarkeit ein wesentlicher Vorteil ist.
•    Der Einsatz von Schrott spart bis zu 70 % Energie im Vergleich zu Primärrohstoffen.
     Weniger benötigte Energie bedeutet geringere Kohlenstoffemissionen.
•    Schrottsorten werden unter Einhaltung der strengen EU-Abfallgesetzgebung erzeugt ,verarbeitet, transportiert
     und verbraucht (meistens). Anders als die meisten Primärrohstoffe, die in der Stahlproduktion verwendet wer-
     den. Er ist nicht mit Tagebau, Kinderarbeit oder Umweltproblemen durch Produktionsrückstände und
     Verarbeitung verbunden.

Davis Index: Wie werden sich die möglichen Schrott-Exportbeschränkungen der EU auf die deutsche Recyclingwirtschaft auswirken?

Sebastian Will:
Deutschland importiert den Großteil seiner Waren oder zumindest Teile für die Produktion aus Ländern außerhalb der EU, was es uns ermöglicht, mehr Schrott zu erzeugen, als wir im Inland verwenden können. Dies ist seit Jahren der Fall und wird sich auch in Zukunft fortsetzen, da die inländische Industrieproduktion aus verschiedenen Gründen abnimmt, unter anderem weil einige Industrien ihre Produktion ins Ausland verlagern, um von billigen Arbeitskräften, weniger Vorschriften, Bürokratie und laxen Umweltvorgaben zu profitieren.

Wir müssen daher etwas Sinnvolles mit unserer Überschussproduktion an direkt einsatzfähigem Schrott tun, und so exportieren wir ihn in Länder, in denen ein Mangel herrscht. Die meisten dieser Länder befinden sind außerhalb der EU und haben keine angemessene Abfallwirtschaftsgesetzgebung und können daher kaum genügend Input-Recyclingmaterial erzeugen, die sie in ihren aufstrebenden Industrien einsetzen können.

Dies ist gut für uns, da wir stabile Preise, ein Gleichgewicht auf dem heimischen Markt und durch den Export eine CO2-Reduzierung in Gebieten bewirken, die diese Regeln normalerweise ignorieren. Dieser funktionierende Markt wird einen disruptiven Schock erleiden, sofern die neuen EU-Beschränkungen umgesetzt werden, der bis zum Zusammenbruch führen kann. Es wird ein Überangebot an Material geben, sowohl an Neuschrottsorten als auch an Altschrottsorten. Sollte die Vorliebe der Werke für Neuschrotte bestehen bleiben, wird das Überangebot Altschrott noch deutlicher werden.

Infolgedessen werden die Preise sinken und die Erlöse werden leiden. Ab einem bestimmten Punkt wird die Aufbereitung leiden und der Markt könnte zusammenbrechen. Altschrott wird von einer begehrten Ressource zu einem Entsorgungsgut mutieren. Diese Entwicklung wird sich aber nur im abgeschotteten Bereich des EU-Binnenmarktes vollziehen. In der Zwischenzeit wird der Rest der Welt mit einer erheblichen Verringerung des Angebots an Einsatzmaterialien konfrontiert sein, da Schrottsorten aus der EU nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Da diese Verknappung kurzfristig nicht abgemildert werden kann, werden mehr Primärrohstoffe als Substitute eingesetzt werden.

Zusammengenommen würden diese Faktoren zu Folgendem führen:

•    Gestörte Recyclingkreisläufe in der EU und in Deutschland, da das Recycling unrentabel wird,
•    Sinkende Recycling- und Sammelquoten in der EU, die den ökologischen Zielen einer Kreislaufwirtschaft
     widersprechen,
•    Weniger CO2-Einsparung, und
•    mehr CO2-Emissionen außerhalb der EU, da die Hersteller sich Primärrohstoffen zuwenden,
     um den fehlenden EU-Schrott zu ersetzen.

Somit führen die neuen Normen in jeder Hinsicht in eine Lose-Lose-Situation für alle.

Wir danken Davis Index für die Möglichkeit das Interview zu veröffentlichen. Ursprünglich wurde das Interview in englischer Sprache geführt und am 20. Juli 2021 in Davis Index Recycling | Global Edition
veröffentlicht. Für unsere Veröffentlichung hat es Birgit Guschall-Jaik übersetzt.

Icon Mitglieder Mitglied werden Presse top

Wir benutzen lediglich technisch notwendige Sessioncookies, die das einwandfreie Funktionieren der Internetseite gewährleisten und die keine personenbezogenen Daten enthalten.