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Verwertung von Industrieabfällen verspricht Milliardengeschäft

GTAI | Von Gerit Schulze | Moskau

Nachdem der Fokus bislang auf Hausmüll lag, wendet sich Russland nun auch der Verwertung von Industrieabfällen zu. Deutsche Unternehmen könnten dafür die Technologie liefern.

1112 GTAI Grafik 1neuRusslands Kampf mit den Abfallbergen konzentrierte sich in den letzten Monaten vor allem auf Siedlungsmüll. Doch während pro Jahr rund 70 Millionen Tonnen Hausmüll anfallen, ist das Volumen der Industrieabfälle weitaus größer. Laut Umweltministerium entsteht jedes Jahr ein gigantisches Aufkommen von über 7 Milliarden Tonnen. Davon entfallen allerdings 94 Prozent auf die Rohstoffförderung, denn einberechnet werden auch die Abraumhalden der Kohleindustrie, Ölschlämme und Restprodukte der Erzgewinnung.


Steigendes Interesse an Kreislaufwirtschaft

Etwa die Hälfte aller Industrieabfälle werden verwertet. Bei den Unternehmen steigt das Interesse an einer Kreislaufwirtschaft. Sie wollen damit ihre Kosten optimieren, staatlichen Regulierungen zuvorkommen und auf die Wünsche der Kunden eingehen.

Vor allem Konzerne, die einen Großteil ihres Umsatzes im Ausland erzielen, müssen zunehmend Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigen. "Europäische Abnehmer erwarten, dass ihre Lieferanten die sogenannten ESG-Faktoren (Environmental, Social and Corporate Governance) erfüllen", erklärt Florian Willershausen, Vorstand bei der Moskauer Beratungs- und Investmentgesellschaft Creon Group. Dazu gehöre auch, auf Produkte zu verzichten, die ausschließlich mit Rohstoffen ohne Recyclinganteil hergestellt wurden.

Rohstoffkonzerne sind die größten Verursacher

In Industriebetrieben laufen daher umfangreiche Investitionsprogramme zur Verwertung der Produktionsabfälle und zum Einsatz von Recyclingmaterial. Zu den größten Verursachern zählt Russlands Regierung die Förderung von Öl, Gas, Erzen und Kohle, die Wärmekraftwerke, Chemie- und Papierfabriken, die Metallurgie- und Baustoffindustrie.

Potenzielle Abnehmer für Sekundärrohstoffe aus Industrieabfällen sind laut Strategie zur Verarbeitung und Neutralisierung von Industrie- und Verbrauchsabfällen:

  •     Hersteller von Baumaterialien (Einsatz von Altglas, Holz und Metallabfällen, Gummigranulat)
  •     Landwirtschaft (Nutzung von verwertetem Klärschlamm, Schlacken und Holzabfällen zur Düngung)
  •     Tiefbau (zerkleinerter Bauschutt, Gummigranulat für den Straßenbau)
  •     Metallurgie (Einsatz von Altmetall, Presspulver, Schlacken)
  •     Chemieindustrie (Wiedereinsatz von verarbeiteten, unschädlich gemachten organischen und anorganischen Verbindungen)

Bislang organisieren die Industriebetriebe die Entsorgung und Deponierung ihrer Abfälle weitgehend selbst. Zum Teil vergeben sie Aufträge an regionale Spezialanbieter, etwa für die Verwertung von Batterien oder quecksilberhaltigen Leuchtkörpern.

Staatsholding Rostec strebt Monopol an

Die Staatsholding Rostec drängt seit längerem darauf, einen Generalauftrag für die Entsorgung von Industrieabfällen der Klassen III (mäßig gefährlich) bis V (praktisch ungefährlich) zu bekommen. Laut Zeitungsberichten wäre das ein Riesengeschäft, die jährlichen Umsätze liegen bei 1,4 Billionen Rubel (15,3 Milliarden Euro, Wechselkurs der EZB am 15. Oktober 2020: 1 Euro = 91,43 Rubel).

Rostec schlägt vor, ein einheitliches Entsorgungsunternehmen für diese Aufgabe zu gründen. Dagegen hat sich das Umweltministerium ausgesprochen, weil die Abfallwirtschaft bislang vor allem von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt sei. Ein staatlicher Monopolist würde deren Geschäftsgrundlage gefährden.

Der Staatskonzern Rostec ist über die Tochtergesellschaft RT-Invest bereits sehr aktiv bei der Hausmüllentsorgung und beim Bau von Müllverbrennungsanlagen in Russland.

Rosatom kümmert sich um Entsorgung der gefährlichsten Stoffe

Für die Entsorgung der gefährlichsten Abfallstoffe der Klassen I und II hat Russland bereits einen staatlichen Auftragnehmer bestimmt. Unter diese Kategorien der Abfallstoffe fallen anorganische Salzmischungen, Säureabfälle, quecksilberhaltige Gegenstände, Batterien, Asbest und stark verschmutzte Industrieabwässer.

Jährlich entstehen laut Umweltministerium rund 300.000 Tonnen solcher Abfälle bei 40.000 industriellen und anderen Erzeugern. Moderne Kapazitäten zur Neutralisierung und Verwertung dieser Gefahrenstoffe gibt es bislang nicht.

Darum hat die Regierung im November 2019 den Staatskonzern Rosatom exklusiv mit der Erfassung und Entsorgung von Gefahrenstoffen der Klassen I und II beauftragt. Das Unternehmen verfügt mit seiner Tochterfirma RosRAO bereits über lange Erfahrungen im Umgang mit radioaktiven Abfällen. Nun hat Rosatom eine weitere Tochtergesellschaft gegründet – FGUP FEO –, die sich um gefährliche Industrieabfälle kümmern soll.

Das Unternehmen plant in Russland sieben große Verarbeitungszentren für Gefahrenstoffe, die jeweils eine Jahreskapazität von 50.000 Tonnen haben. Dabei nutzt Rosatom vier bestehende Objekte zur Vernichtung von Chemiewaffen und baut diese für die Behandlung von Industrieabfällen aus. Die Anlagen befinden sich in den Regionen Saratow, Kirow, Udmurtien und Kurgan und sollen bis Anfang 2024 umgerüstet werden. Außerdem baut der Konzern drei neue Verarbeitungskomplexe bei Irkutsk, Kemerowo und im Leningrader Gebiet auf. Dort ist die Inbetriebnahme für 2025 geplant.

Aktuell entwickelt FEO ein Monitoringsystem, um die Entstehung und Ablagerung von Gefahrenstoffen zu überwachen und ihre Entsorgung zu planen. Das Monitoring soll im Echtzeitmodus erfolgen.

Für Rosatom ist der Zuschlag äußerst lukrativ. Bis 2024 will der Staat in den Aufbau des Verwertungssystems für die Abfallklassen I und II rund 36 Milliarden Rubel investieren (rund 390 Millionen Euro). Das Vorhaben ist Bestandteil des Nationalen Projekts "Ökologie".

Russische Regionen mit dem höchsten Aufkommen an Gefahrenstoffen *)

Region

Aufkommen an Gefahrenstoffen in Tonnen (2018)

Anteil am Gesamtvolumen in %

Orjol

85.082

29,3

Irkutsk

40.160

13,8

Swerdlowsker Gebiet

33.395

11,5

Krasnojarsk

14.248

4,9

Kemerowo

9.276

3,2

Samara

8.639

3,0

Kursk

8.095

2,8

Moskau

7.594

2,6

Moskauer Gebiet

7.009

2,4

Tatarstan

6.516

2,2

Wologda

6.431

2,2

Nowosibirsk

6.122

2,1

Rjasan

5.710

2,0

Tscheljabinsk

4.683

1,6

Perm

3.686

1,3

Tjumen

3.515

1,2

Autonomer Kreis der Chanten und Mansen

2.617

0,9

Stawropol

2.532

0,9

Lipezk

2.070

0,7

Baschkortostan

2.051

0,7

*) Abfälle der Gefahrenstufen I und IIQuelle: Ministerium für Naturressourcen und Ökologie, Jahresbericht zum Schutz der Umwelt in der Russischen Föderation (Dezember 2019)

Die deutsche Wirtschaft hofft auf neue Geschäfte durch Russlands Anstrengungen zur Verwertung von Industrieabfällen. Einige Unternehmen nahmen Anfang Oktober an einer digitalen Geschäftsreise zu Standorten der Schwerindustrie im Ural ein. Dort planen vor allem die Metallurgiebetriebe erhebliche Investitionen in Umwelttechnik. Hintergründe dazu im GTAI-Bericht "Industriebetriebe im Ural wollen mehr Abfälle verwerten".

Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von der Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH.

Quelle: www.gtai.de

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