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Industriebetriebe im Ural wollen mehr Abfälle verwerten

GTAI | Von Gerit Schulze | Moskau

Russlands Schwerindustrie investiert massiv in die Verwertung eigener Abfälle. Davon konnten sich deutsche Unternehmen bei einer digitalen Geschäftsreise in den Ural überzeugen.

Die Verwertung von Industrieabfällen ist ein Topthema in den Chefetagen der russischen Großindustrie. Dabei setzen die Unternehmen auch auf Erfahrungen aus Deutschland. Eine digitale Geschäftsreise zum Thema Entsorgung von Industrieabfällen hatte deutsche Hersteller Anfang Oktober 2020 zu potenziellen Abnehmern in den Ural geführt. Das Markterschließungsprojekt in den Regionen Swerdlowsk und Tscheljabinsk wurde organisiert von der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer.

Kupfergigant liefert Schotter für den Straßenbau

Eine Station der virtuellen Geschäftsreise war der Metallurgiebetrieb UGMK. Das Unternehmen produziert Kupfer, Zink, Kohle, Gold und Silber in fünf Regionen Russlands. Schwerpunkt ist der Ural mit dem Hauptsitz Werchnaja Pyschma.

Bei der Produktion fallen große Mengen an Abraum, Tailings (Rückstände aus der Erzaufbereitung), Schlämmen, Schlacken und Elektrofilter an, erklärt Alexander Suplakow, bei UGMK zuständig für internationale Kontakte. Insgesamt ist so ein Abfallberg von rund 280 Millionen Tonnen entstanden, von dem bislang nur ein kleiner Teil verwertet wurde. Zum Beispiel dient Staub aus Lichtbogenöfen am Standort Tscheljabinsk zur Gewinnung von Zinkrohstoff.

In der Kupferhütte SUMZ in Rewda extrahiert UGMK aus über 1 Million Tonnen Schlackerückständen jährlich 2.000 Tonnen Kupfer, bis zu 70 Kilogramm Gold und 1,2 Tonnen Silber.

Eine besonders große Altlast schlummert laut Suplakow rund um das Stahlwerk Nadeschdenski in Serow. „Dort hat sich im Laufe der Jahrzehnte eine riesige Halde mit Abfällen der Schwarzmetallurgie angesammelt“, erklärt der Manager. Auf 47 Hektar lagern 300.000 Tonnen, die nun über ein Sanierungsprogramm neutralisiert und verarbeitet werden sollen. Aus der Schlacke wird unter anderem Schotter für den Straßenbau hergestellt.

Suplakow bestätigt im Gespräch mit deutschen Unternehmensvertretern, dass UGMK als privater Konzern „völlig frei ist bei der Auswahl seiner Lieferanten“. Bislang seien auch keine staatlichen Subventionen für die Projekte zur Abfallbehandlung beantragt worden.

Neben Abfall auch Wasserreinigung und Emissionsschutz im Blick

Ein anderer großer Kupferhersteller im Ural, RMK aus Jekaterinburg, gibt 2020 rund 13 Millionen Euro für ökologische Maßnahmen aus. Wasser, Luft und Boden sowie eine effizientere Abfallverwertung stehen im Mittelpunkt, berichtet Natalja Gontschar, verantwortlich für Industrie- und Umweltsicherheit. Die Abfallbehandlung betreffe vor allem Abraum, der verwertet werden und im Straßen- und Dammbau oder als Füllmaterial zum Einsatz kommen soll. Außerdem führe RMK Kupferabfälle, Metallstaub und metallurgische Schlämme dem Recycling zu.

Tscheljabinsk versiegelt riesigen Müllberg

Technische Lösungen für Filtrate gesucht

Neben den Industriebetrieben müssen auch die großen Städte im Ural ihre Abfallwirtschaft modernisieren. Ein Schwerpunkt liegt auf der Sanierung von Hausmülldeponien, die ihre Kapazitätsgrenze erreicht haben, sagt Jana Kuprikowa, stellvertretende Umweltministerin des Gebiets Tscheljabinsk. Wichtigstes Vorhaben ist die Rekultivierung der Deponie Tscheljabinsk, die seit Ende 2019 läuft und rund 50 Millionen Euro kostet. Generalunternehmer für das Pilotprojekt mit landesweiter Bedeutung ist Rosatom.

Aktuell werde der 73 Hektar große und bis zu 40 Meter hohe Müllberg mit einer fünfschichtigen Isolierung gegen Regenwasser abgedichtet. Außerdem sollen Anlagen zur Sammlung von Filtraten und zur Reinigung von Deponiegas errichtet werden, berichtet die Vize-Umweltministerin. „Interessiert sind wir noch an technischen Lösungen für die Neutralisierung der Filtrate, die eine starke Säurebildung verursachen“, erklärt sie mit Blick auf potenzielle Anbieter aus Deutschland.

Die Deponie in Tscheljabinsk soll Signalwirkung für ähnliche Anlagen in der Region haben. Laut Kuprikowa laufe für die Standorte Miass und Slatoust bereits eine Umweltverträglichkeitsprüfung für Rekultivierungsmaßnahmen. Außerdem stehe die Müllsortierung an. Größere Anlagen zur Abfalltrennung sind in Magnitogorsk, Poletajewo, Tschischma und Kopejsk geplant.

Stahlschlacke findet Einsatz bei der Beton- und Zementproduktion

Metallurgiekonzern Mechel in Tscheljabinsk hat eine eigene Tochtergesellschaft für Materialbeschaffung und Recycling geschaffen (OOO Mechel-Materialy). In dem Unternehmen fallen jährlich über 2 Millionen Tonnen Schlacke bei der Eisenverhüttung und Stahlproduktion an.

Die Hochofenschlacke wird durch Zerkleinerung und Siebung vor allem zu Schotter für den Straßenbau verarbeitet. Sie kann aber auch bei der Produktion von Mineralwolle, Zement und Beton zum Einsatz kommen, erklärt Ilja Malyschew, zuständig für die technische Entwicklung bei Mechel-Materialy. „Leider läuft der Verkauf noch sehr schleppend.“

Dabei haben diese Schotterprodukte nach Meinung des Mechel-Technikers eine Reihe von Vorteilen: sie sind widerstandsfähig gegen hohe Temperaturschwankungen und mechanische Einflüsse, haben gute Adhäsionseigenschaften und sind billiger als im Steinbruch gewonnene Naturprodukte. Mechel habe 2019 rund 1 Million Tonnen künstlichen Schotter extrahiert. Malyschew hofft beim Absatz auf mehr Unterstützung von der regionalen Verwaltung, „die bislang die Erschließung neuer Steinbrüche bevorzugt.“

Außerdem kooperiert Mechel mit dem Unternehmen BFB, das im Moskauer Innovationszentrum Skolkowo residiert. Gemeinsam entwickeln sie ein Pilotprojekt für provisorische Straßen, die aus natürlichem Untergrund und Schlackeresten aus der Stahlproduktion bestehen.
Tagebau bei Magnitogorsk wird rekultiviert

Eine weitere Station der virtuellen Geschäftsreise war das Stahlwerk Magnitogorsk, dem nach eigenen Angaben größten Metallerzeuger Russlands. Im Jahr 2019 wurden dort 12,5 Millionen Tonnen Stahl und 10 Millionen Tonnen Gusseisen produziert. Dabei entstanden fast 16 Millionen Tonnen Abfall.

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Bislang verarbeitet MMK erst die Hälfte seines Abfallaufkommens, der Rest wird auf Deponien verbracht. Auf den Abraumhalden lagern über 34 Millionen Tonnen Schlacken, die nutzbare Metallfraktionen enthalten. Bis 2025 will MMK diese Menge um 45 Prozent reduzieren. Die übrigen Halden sollen verdichtet und rekultiviert werden.

Weitere Investitionen fließen in die Verarbeitung von Walzölen und Walzemulsionen, die bei der Metallproduktion gebraucht werden. Dafür setzt MMK bereits Förderbänder ein, die Schmierstoffe abschöpfen und über Ultrafiltration und Membranen von Wasser trennen können. Auf diese Weise werden 36.000 Tonnen ölhaltige Abfälle pro Jahr verarbeitet. Ein Drittel davon kann anschließend wieder für den Produktionsprozess verwendet werden.

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Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von der Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH.

Quelle und weitere Informationen: www.gtai.de/gtai-de

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