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China baut Abfallwirtschaft massiv aus

Hunderte neue Müllverbrennungsanlagen entstehen/ Gleichzeitig wird Recyclingquote schrittweise erhöht / Von Corinne Abele

Shanghai (GTAI) - China forciert die Mülltrennung und -verbrennung. Dabei steht die Wiedergewinnung von Rohstoffen noch am Anfang. Technologie aus dem Ausland ist gefragt - aber teuer.

Marktchancen

Stopp von Importmüll und erhöhte Recyclingquote verändert Branche

Recycling und Müllentsorgung ist unter Präsident Xi Jinping als Thema wichtig geworden. China hat seit 2018 einen Importstopp für feste Abfallstoffe (Textilien, Papier, Schrott, Kunststoffe) eingeführt; spätestens ab Anfang 2021 sollen keinerlei Feststoffabfälle mehr importiert werden. Gleichzeitig will die Zentralregierung den ständig wachsenden Müllbergen in seinen Megastädten, aber auch auf dem Land Herr werden. Bereits 2018 produzierten allein die Haushalte in Chinas Städten rund 228 Millionen Tonnen Müll - inklusive der Kreisstädte belief sich das Volumen laut offiziellen Angaben bereits 2017 auf 283 Millionen Tonnen. Tatsächlich dürfte der Müllberg noch größer sein. Experten schätzen, dass er sich bis 2030 weiter auf rund 550 Millionen Tonnen pro Jahr verdoppeln dürfte.

Entwicklung des Abfallsektors (in Millionen Tonnen, Veränderung in Prozent)

  2015 2016 2017 2018 Veränderung
Städtische Siedlungsabfälle 191 204 215 228 6,4
Industriemüll 3.271 3.092 3.316 k.A k.A
Sondermüll 40 53 69 k.A k.A

Quelle: China Statistical Yearbook

Ziel der Regierung ist es, bis 2020 landesweit nur für Großstädte und Pilotregionen eine Recyclingquote von 35 Prozent zu erreichen. Derzeit dürfte die Quote (laut Zeitungsberichten) des im Land recycelten Mülls bei annähernd 5 Prozent liegen. Erstmals sollen in 46 Pilotstädten bis 2020 Abfallgebühren eingeführt werden und bis 2025 landesweit der Hausmüll nach vier Kategorien - Küchenabfälle, Trockenabfälle, recycelbare Abfälle sowie Sondermüll - sortiert und getrennt gesammelt werden. Gelingt eine landesweite Umsetzung, wird dies die Rahmenbedingungen für den Entsorgungs- und Recyclingsektor des Landes verändern. Noch kämpfen gemäß der Vorschriften und Standards arbeitende Entsorgungsunternehmen gegen einen Schwarzmarkt mit Billigstpreisen. Diesem hat die Regierung den Kampf angesagt. Doch von heute auf morgen ist dieser vor allem jenseits der Zentren nicht zu gewinnen.

Hunderte Müllverbrennungsanlagen im Bau

Parallel werden in bis dato unbekanntem Tempo im ganzen Land Müllverbrennungsanlagen gebaut. Denn längst sind viele der rund 1.800 Deponien in den Städten und Kreisstädten voll. Neue Standorte sowohl für Deponien als auch Müllverbrennungsanlagen zu finden, wird immer schwieriger. Denn die Anwohner wehren sich zunehmend dagegen. Gemäß dem 13. Fünfjahresprogramm soll bis 2020 landesweit über die Hälfte des Haushaltsmülls verbrannt werden. 2018 wurde bei städtischen Siedlungsabfällen eine Quote von 45 Prozent erreicht.

Entwicklung von Chinas Mülldeponien und -verbrennungsanlagen (in absoluten Zahlen)

  2014 2015 2016 2017 2018
Müllbehandlungsanlagen 818 890 940 1.013 1.091
.Deponien 604 640 657 654 663
.Müllverbrennungsanlagen 188 220 249 286 331

Quelle: China Statistical Yearbook on Environment; China Statistical Yearbook 2019

Im Frühjahr 2019 waren laut Darstellung der China Association of Urban Environmental Sanitation (CNUES) auf der IE Expo in Shanghai im April 2019 landesweit bereits rund 380 Müllverbrennungsanlagen mit einer Gesamtkapazität von rund 360.000 Tonnen Müll pro Tag in Betrieb. Vor allem jenseits der Zentren erfüllen einige Anlagen nicht die derzeitigen nationalen Standards. Etwa 200 bis 250 Anlagen mit einer Tageskapazität von 200.000 bis 250.000 Tonnen sind laut CAUES 2019 im Bau. Die größten Kapazitäten entstehen in Guangdong, gefolgt von Shandong und Liaoning. In Shanghai ging 2019 die zweite Phase der weltweit größten "Waste to Energy"-Anlage mit einer Jahreskapazität von 3 Millionen Tonnen Müll jährlich in Betrieb.
Rechtsrahmen für Entsorgungssektor wird vervollständigt

Als eines der ersten Länder weltweit hat China neben Deutschland und Japan bereits 2009 ein Kreislaufwirtschaftsgesetz erlassen - damals ohne große Konsequenzen. Inzwischen wird seit 1. Januar 2018 eine Umweltsteuer auch auf unsachgemäß gelagerte und entsorgte Feststoffabfälle erhoben. Bei illegaler Entsorgung drohen sowohl dem Entsorger als auch dem Müllverursacher seit der Überarbeitung des Umweltschutzgesetzes 2016 Strafen. Auch ist eine landesweite Datenbank im Aufbau, die Umweltschutzverletzungen öffentlich dokumentiert. Künftig könnten sowohl eine unsachgemäße Müllentsorgung von Firmen als auch eine fehlende Müllsortierung von Privatpersonen in die jeweiligen Sozialkreditsysteme eingehen.

Moderner Recyclingsektor entsteht

Das Müllimportverbot hat zu einem wachsenden Anstieg nach inländischen Sekundärrohstoffen geführt. So legte die Recyclingmenge in zehn großen Kategorien 2018 insgesamt um 14,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Insgesamt stiegen die Preise. Recyclinganlagen zur Wertstoffgewinnung sind neben den Bereichen Papier und Glas beispielsweise bei der Stahlherstellung, beim Recycling von Elektroschrott, Autoreifen oder Baustoffabfällen in Betrieb und Bau. Ein Rückholsystem von Verpackungen und eine Beteiligung der Verpackungshersteller an den Entsorgungskosten (wie beispielswiese der Grüne Punkt in Deutschland) fehlt bis dato allerdings. Auch eine Rücknahmeverpflichtung für Hersteller von Elektrogeräten kam bislang nicht über Pilotprojekte hinaus.

Branche muss sich modernisieren

Der Druck, in Müllbehandlung,-verwertung und -entsorgung zu investieren, ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen. Dies gilt sowohl für die Kommunen wie auch die Entsorgungs- und Recyclingbranche selbst. Letztere muss modernisieren und automatisieren, um künftig den Anforderungen der Kunden als auch der kontrollierenden Behörden gewachsen zu sein. Technologie aus dem Ausland ist gefragt, aber teuer. Die neue Mülltrennung führt vermehrt zu Projekten in den Bereichen Küchenabfallbehandlung und Recycling von Elektrogeräten. Darüber hinaus investieren Chinas führende Industriefirmen vermehrt in Recycling und Wiederverwertung von Stoffen in der Produktion. Auch das Recycling von Batterien ist ein Riesenthema. Insgesamt sieht die Zeitung "People´s Daily" das Potenzial von Chinas Recyclingmarkt im Jahr 2030 bei rund 1 Billion US-Dollar (US$) und 40 Millionen neuer Arbeitsstellen.
38 Milliarden US$ Investitionen für Festmüllbehandlung bis 2020

Rund 38 Milliarden US$ (etwa 252 Milliarden Chinesische Renminbi (RMB) - durchschnittlicher Wechselkurs 2016 bis 2018: 1 US$ = 6,6706 RMB) sollen im Rahmen des 13. Fünfjahresprogramms von 2016 bis Ende 2020 allein in die Behandlung von Siedlungsabfällen investiert werden. Mit 67 Prozent entfällt der Löwenanteil auf die umweltschonende Müllbehandlung; 3,5 Milliarden US$ sind für die Behandlung von Küchenabfällen vorgesehen. Für den Aufbau von Recycling- und Sortieranlagen sowie Sammel- und Vertriebsstellen im Rahmen von Pilotprojekten sind 1,4 Milliarden US$ (9,4 Milliarden RMB) beziehungsweise 0,6 Milliarden US$ (4,2 Milliarden RMB) eingeplant. Im September 2018 veröffentlichte die NDRC eine erste Liste von 50 Stützpunkten für das Recycling von industriellem Abfall. Diese wurde im Januar 2019 um weitere 48 Stützpunkte sowie zusätzliche 47 Stützpunkte für die Behandlung und Verwertung großer Volumen an Feststoffabfällen ergänzt.

Wichtige Investitionsprojekte in der Abfallwirtschaft in China

Akteur/Projekt Investitionssumme (in Millionen US $) Projektstand Anmerkungen
Integrierte Anlage zur Trockenmüllverbrennung und Nassmüllentsorgung im Bezirk Baoshan (Shanghai) 442 Baugenehmigung am 25.11.19 erhalten Kapazität: 3.000 Tonnen pro Tag Trockenmüll,800 Tonnen pro Tag Nassmüll
PPP-Projekt für Verbrennung von Siedlungsabfall in Xiangtang (Provinz Hunan) 108 Ausschreibung läuft Kapazität: 1.200-1.800 Tonnen pro Tag
PPP-Projekt für Verbrennung von Siedlungsabfall in Ziyang (Provinz Sichuan) 85 Ausschreibung läuft Kapazität: 1.200 Tonnen pro Tag
Projekt der luxemburgischen Befesa Environmental Protection Technology zum Recycling von Feinstäuben bei der Elektrostahlherstellung in Changyuan(Provinz Henan) 50,9 Baubeginn: 13.11.19 Recyclingkapazität: 110.000 Tonnen pro Jahr Elektrofeinstaub, 40.000 Tonnen pro Jahr Zinkoxidpulver
PPP-Projekt für die Verbrennung von Siedlungsabfällen in Ruili(Provinz Yunnan) 55 Mio. Baubeginn: 18.11.19 Kapazität: 1.000 Tonnen pro Tag

Umrechnung zum Wechselkurs der Deutschen Bundesbank vom Juni 2019: 1 RMB = 0,145461 US $

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Lokale Branchenstruktur

Entsorgungsbranche muss professioneller werden

Die bis dato stark fragmentierte Branche ist im Umbruch. Dabei drängt die Regierung auf eine stärkere Marktstellung staatlich kontrollierter Unternehmen, um eine vorschriftsmäßige Entsorgung künftig eher sicherzustellen als bislang. Kleinere Firmen ohne gültige oder erneuerte Geschäftslizenz müssen aufgeben. Die regionale Beschränkung der Anzahl von Geschäftslizenzen führt bei ausländischen Firmen auch zu Kooperationen mit oder Übernahmen von chinesischen Lizenzhaltern. Prinzipiell ist jedoch der Entsorgungsbereich (inklusive Müllverbrennung) für ausländische Firmen geöffnet.

Europäische Firmen mischen mit

Vertreten sind unter anderem die europäischen Firmen Veolia, Suez, Remondis und Alba. Weitere Firmen wie Alstom, Befesa, Martin GmbH oder Babcock & Wilcox Vølund liefern Anlagendesigns sowie Verbrennungs- und Recyclingtechnologie. Der Betrieb von Müllverbrennungs- oder Recyclinganlagen wird häufig mit einem chinesischen Partner durchgeführt, was nicht gesetzlichen Auflagen, sondern der Praxis geschuldet ist.

Gebildet haben sich auch einige landesweit operierende große Entsorgungsunternehmen wie Everbright International, die China National Environmental Protection Group oder die Shanghai Environment Group. Einige decken den kompletten Müllentsorgungsprozess ab, andere haben sich auf die lukrative Müllverbrennung spezialisiert. Einige der größeren Entsorgungsunternehmen sind bereits börsennotiert. Auch Internetfirmen haben den Sektor inzwischen für KI-gestützte Sortierhilfen für Haushalte oder "smarte Mülleimer" entdeckt. Es ist jedoch zu früh, von nachhaltig profitablen Geschäftsmodellen zu sprechen.

Geschäftspraxis

Geht es um Siedlungsabfälle, schreibt in der Regel der öffentliche Auftraggeber aus. Entsprechende Projekte sind auf der Website für öffentliche Ausschreibungen http://www.ccgp.gov.cn (China Central Government Procurement) zu finden; große (Prestige-)Projekte werden international ausgeschrieben. Kostenpflichtig bieten auch privatwirtschaftliche Ausschreibungsplattformen wie http://www.bidcenter.cn oder http://www.dlzpw.com/aydl/ Informationen über Projekte im Abfallsektor landesweit an.

Zunehmend werden vor allem Müllverbrennungsanlagen (aber auch Deponien) in Form von Public Private Partnerships (PPP) beispielswiese als BOT (Build, Operate, Transfer)- oder BO (Build, Operate)-Projekte umgesetzt. Die Auftragsvergabe für die Ausstattung der Anlage findet dann durch den Projektnehmer statt. Auch Projekte für die privatwirtschaftliche Industrie unterliegen nicht der öffentlichen Ausschreibung.

Generell ist der frühe Kontakt zu Auftraggebern beziehungsweise zu lokalen Experten wichtig. Letztere haben als technische Berater nach Aussage eines Brancheninsiders häufig großen Einfluss. Noch immer ist der Bereich in weiten Teilen intransparent. Bei öffentlichen Ausschreibungen erhält in der Regel der billigste Anbieter den Zuschlag, auch wenn - so die Einschätzung von Brancheninsidern - eine legale Müllbehandlung und -entsorgung zum gebotenen Preis mitunter unmöglich erscheint.

Für die Branche gültige Standards können in chinesischer Sprache auf der Website des Ministry of Environmental Protection (MEP) eingesehen werden. Informationen zu Zollangelegenheiten enthält die Internetseite des chinesischen Zollamts (http://www.customs.gov.cn ).

Ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht stehen unter http://www.gtai.de/rech t sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen unter http://www.gtai.de/zol l zur Verfügung.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/china Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft
AHK China http://www.china.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Econet http://www.econet-china.com Netzwerk deutscher Umweltschutzfirmen unter dem Dach der AHK China
German RETech Partnership e.V. http://www.retech-germany.net Netzwerk deutscher Unternehmen und Institutionen der Entsorgungs- und Recyclingbranche zur Exportförderung
Ministry of Environmental Protection (MEP) http://www.zhb.gov.cn Ministerium für Umweltschutz der VR China
National Development and Reform Commission (NDRC) http://www.ndrc.gov.cn Nationale Reform- und Planungskommission
China Association of Urban Environmental Sanitation (CNUES) http://www.cnues.com Chinesischer Branchenverband unter anderem für städtische Müllentsorgung und Recycling
China Association of Circular Economy http://www.chinacace.org Chinesischer Verband für Kreislaufwirtschaft; Website mit zahlreichen Informationen
China Ressource Recycling Association http://www.crra.org.cn Branchenverband für Recyclingwirtschaft
IE Expo http://www.ie-expo.com Führende jährliche Umweltschutzmesse in Shanghai
China International Environmental Protection Exhibition & Conference (CIEPEC) http://www.chinaenvironment.org Internationale Umweltschutzkonferenz alle zwei Jahre in Beijing
China Environment Protection Web http://www.hjbhw.com Internetplattform für den Bereich Umweltschutz in chinesischer Sprache
China Solid Waste Net http://www.solidwaste.com.cn Internetplattform mit Informationen über die Festmüllbranche sowie Standards in chinesischer Sprache

De Reihe "Branche kompakt" liefert Analysen zu wichtigen Schlüsselbranchen der deutschen Exportwirtschaft. Weitere Länderberichte zum Abfallsektor und zu weiteren Branchen sind unter http://www.gtai.de/branche-kompakt zu finden.

Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von der Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH.

Quelle: www.gtai.de