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Mexikanische Abfallwirtschaft kommt in kleinen Schritten voran

Private Entsorgungsfirmen gewinnen an Einfluss

Von Florian Steinmeyer (September 2019)

Die Zentralregierung Mexikos will den Abfallsektor grundlegend umorganisieren. Konkrete Schritte stehen jedoch noch aus.

Marktchancen

Staatliche und informelle Player nach wie vor stark

Das Recycling untersteht in Mexiko trotz der wachsenden Rolle der Privatwirtschaft vorrangig halbstaatlichen Unternehmen, die von den Gemeinden verwaltet werden und nur wenig professionalisiert sind. Mit den zahlreichen informell beschäftigten Abfallsortierern (pepenadores) besteht eine wichtige Interessensgruppe gegen eine stärkere Automatisierung der Branche. Geschäftschancen für deutsche Technologieanbieter bestehen trotzdem vor allem hinsichtlich der Abfalltrennung und -wiederverwertung sowie der energetischen Nutzung von Siedlungsabfällen.

Die Recyclingquoten Mexikos sind bei einigen Materialien im regionalen Vergleich durchaus hoch: 2018 wurden laut dem Interessenverband Ecoce rund 56 Prozent des verwendeten PET wieder eingesammelt. Aluminiumdosen werden sogar zu fast 100 Prozent recycelt. Bei anderen Materialien wie Glas sind die Anteile jedoch deutlich geringer. Die Sammlung erfolgt durch überwiegend informell beschäftigte Arbeiter in den Müllwagen und in den Sortierzentren, die meist den Deponien angeschlossen sind.

Betreiber von Recyclinganlagen sind Petstar, Immer, CPR, Tecnología de Reciclaje, Greenpet, Envases Plástico del Centro, Paktec, Morphoplast, Alen del Norte, Procesadora Tecnológica de Polímeros, PET Performance/IPISA, Plásticos W/XITO/Petall, Green Mind, Indorama und PET One. Rund 40 Prozent der Wertstoffe werden allerdings mangels Recyclinganlagen exportiert. Aufgrund des Importstopps Chinas für Abfälle nimmt dieser Anteil derzeit ab und die Kapazitäten in Mexiko steigen.

Gute Geschäftschancen in der Energiegewinnung aus Abfällen

Im Bereich der Energieerzeugung sehen Experten bei städtischen und industriellen Abfällen die besten Aussichten. Einige Projekte setzen beispielsweise direkt bei den Quellen organischer Abfälle an wie Restaurantketten und Großhandelsmärkten. Nach Angaben des Beratungsunternehmens Sipra, das derzeit eine Studie für eine Restaurantkette in Guadalajara durchführt, können die durch das Wegwerfen von Lebensmitteln entstehenden Verluste um 30 bis 40 Prozent reduziert werden.

Im Bereich städtischer Abfälle haben viele Gemeinden Probleme, die Stromrechnung ihrer Entsorgungsbetriebe zu zahlen und versprechen sich von einer Bioenergieanlage eine Verbesserung der Situation. Laut dem Branchenverband AMBB (Asociación Mexicana de Biomasa y Biogás) gibt es in den Städten Linares (Bundesstaat Nuevo León) und Naucalpán (Estado de México) erste Projektansätze. Darüber hinaus zeigen die Bundesstaatsregierungen in Nuevo Léon, Sinaloa, Sonora und Veracruz Interesse an der Technologie.

Bereits einige Bioenergieanlagen in Betrieb

Laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vom September 2018 existieren in Mexiko bereits über 20 Anlagen für städtische Abfälle. Darunter befinden sich drei Biokomposter, die aus städtischen Abfällen zunächst Biogas absorbieren und dies anschließend zur Stromgewinnung nutzen. Darüber hinaus wird auf acht Mülldeponien Biogas gewonnen und in den meisten Fällen ebenfalls verstromt. In Klärwerken gibt es landesweit mindestens elf entsprechende Anlagen. Die GIZ-Studie ist in spanischer Sprache verfügbar unter: http://www.giz.de/en/downloads/EnRes_Perspectivas_propuestas_legales_residuos_urbanos.pdf

Wichtige Investitionsprojekte in der Abfallwirtschaft in Mexiko (Auswahl)

Akteur/Projekt Investitionssumme (in US$) Projektstand Anmerkungen
Müllverbrennungs- und Abfallvergärungsanlage Bordo Boniente (Mexiko-Stadt); Stadtregierung Mexiko-Stadt 3.500 Aufgrund politischer Bedenken abgesagt Verbrennungsanlage (965.000 MWh/Jahr)
Müllverwertungsanlage Monterrey; Bundesstaatsregierung Nuevo León 493 Ausschreibung als PPP Ende 2019 geplant Inklusive Bioenergieanlage (anaerob, 100 MW Kapazität)
Abfallvergärungsanlage in Mazatlán; Stadtverwaltung Mazatlán 52 Planungsstadium Bioenergieanlage; noch keine Details bekannt
Abfallvergärungsanlage in Naucalpán; Statdverwaltung Naucalán, Evis 50 Ausschreibung im November 2019 geplant Trenn- und Bioenergieanlage, 7,4 MW Kapazität
Abfallvergärungsanlage in Xalapa; Interamerikanische Entwicklungsbank, Stadtverwaltung Xalapa, TAAF Consultoría Integral, Enertis 6,3 Finanzierung bewilligt; Ausschreibungszeitpunkt noch unklar Bioenergieanlage für 200 Tonnen Siedlungsabfälle pro Tag (0,45 MW Kapazität)
Biogasgewinnung aus organischen Abfällen auf dem Großmarkt von Mexiko-Stadt; Stadtregierung Mexiko-Stadt k.A. Projekt zunächst eingestellt, jedoch unter neuer Stadtregierung wieder aufgenommen; Ausschreibungszeit-punkt noch unklar Kapazität von bis zu 2 Millionen Tonnen pro Tag an organischen Abfällen

Quellen: BNamericas; Recherchen von Germany Trade & Invest

Viele Abfälle wandern direkt auf der Deponie

In Mexiko wird nach drei Arten von festen Abfällen unterschieden: Siedlungsabfälle (residuos sólidos urbanos), Industrieabfälle (residuos de manejo especial) und gefährliche Abfälle (residuos peligrosos). 2016 wurden nach Angaben des mexikanischen Statistikamtes Inegi rund 105.000 Tonnen an Abfällen pro Tag eingesammelt. Die Endlagerung erfolgt sowohl auf normierten Deponien als auf unregulierten Halden. Die offiziellen Recyclingquoten sind sehr gering, da offizielle Statistiken die Arbeit informeller Müllsammler in der Regel nicht beinhalten.

Formelle Sammlung, Sammelmethode und Infrastruktur von Abfällen 2016 (Anteile in Prozent)

  Menge Anteil
Abfallsammlung (in t pro Tag) 104.734,9 100,0
.davon in Wiederverwertungszentren 5.392,7 5,1
..davon recycelt 2.141,6 2,0
...organisch 1.366,4 1,3
...Papier und Karton 242,2 0,2
...PET 165,2 0,2
...Kunststoffe 118,2 0,1
...Glas 105,3 0,1
...Eisen-Metalle 53,5 0,1
...Aluminium 49,0 0,0
...Elektronik 12,0 0,0
...Nicht-Eisen-Metalle 11,8 0,0
...andere 18,0 0,0
Sammelmethode organisch/unorganisch (in t pro Tag) 104.734,9 100,0
.nicht-selektive Sammlung 89.027,5 85,0
.selektive Sammlung 15.707,4 15,0
..abwechselnd 6.352,5 6,1
..simultan 7.828,9 7,5
..andere 1.526,0 1,5
Infrastruktur (Anzahl)    
.Sammelstellen 1.060  
.Behandlungszentren *) 46  
..zur Trennung 30  
..zur Verdichtung 13  
..zur Kompostierung 13  
..zur Vergärung 5  
..zum Zerkleinern 4  
..andere 3  
.Müllfahrzeuge 16.615 100,0
..mit Müllpressen 9.762 58,8
..ohne Müllpressen 4.821 29,0
..andere 2.032 12,2

*) Mehrfachnennung möglich

Quelle: Statistikamt Inegi

Über Industrieabfälle sind lediglich Schätzungen verfügbar: Die Entsorgungsfirma Promoción Ambiental (Pasa) geht davon aus, dass 2018 rund 24 Prozent des gesamten Abfallaufkommens von 42 Millionen Tonnen auf Industrie und Gewerbe entfielen. Zu gefährlichen Abfällen liegen ebenfalls keine aktuellen Daten vor. Laut dem Umweltministerium Semarnat (Secretaría de Medio Ambiente y Recursos Naturales) gab es im August 2019 landesweit 209 Unternehmen, die dazu berechtigt waren, Gefahrenstoffe zu entsorgen. Detaillierte Informationen zu diesen Firmen stellt Semarnat bereit unter: http://www.gob.mx/semarnat/documentos/empresas-autorizadas-para-el-manejo-de-residuos-peligrosos .

Neue Regierung stellt erste Pläne vor

Die seit Dezember 2018 amtierende Zentralregierung unter Präsident Andrés Manuel López Obrador stellte im Februar ihre Ziele für den Abfallsektor vor. Demnach sollen langfristig die 238 Deponien und 1.643 Müllhalden des Landes durch verschiedene Arten von Wiederverwertungs- und Kompostierzentren ersetzt werden. Die finanziellen Mittel sollen von der Privatwirtschaft stammen.

Um dafür Anreize zu schaffen, ist laut Semarnat ein klarer Rechtsrahmen erforderlich. Im März organisierte das Ministerium einen ersten Workshop zusammen mit Gemeinden und der Zivilgesellschaft. Konkrete Schritte für die Umsetzung der Strategie sind noch nicht bekannt. Außerdem ist ein allgemeines Verbot von Einwegkunststoff geplant, das bereits in einigen Bundesstaaten gilt.

Die Zuständigkeiten für die Abfallentsorgung variieren nach Abfallart. Während für Gefahrstoffe die Bundesebene (Behörde Profepa) zuständig ist, haben die Bundestaaten die Ordnungsgewalt über Industrieabfälle. Die dem Abfallvolumen nach wichtigsten Player sind die Gemeinden, welche die Entsorgung von Siedlungsabfällen organisieren. Gesetzliche Grundlage für den Abfallsektor ist das Gesetz Ley General para la Prevención y Gestión Integral de los Residuos (Generelles Gesetz über die integrierte Prävention und Verwaltung von Abfällen - LGPGIR). Seit Längerem fordern Abgeordnete eine grundlegende Verschärfung mit verpflichtenden Recyclingquoten. Bislang konnte sich der Gesetzgeber jedoch noch nicht dazu durchringen.

Firmen mit hohem Abfallaufkommen sind schon heute zur Vorlage eines Entsorgungsplans verpflichtet. Neben dem LGPGIR sind die Normen NOM-083-SEMARNAT-2003 (bezüglich Deponien), NOM-098-SEMARNAT-2002 (Müllverbrennung) und NOM-161-SEMARNAT-2011 (Industrieabfälle) die wichtigsten rechtlichen Vorgaben. Die NOM-083 fordert, dass alle Deponien über Vorrichtungen zum Abfackeln des emittierten Methans verfügen.

Lokale Branchenstruktur

Nur größere Gemeinden als Geschäftspartner interessant

Bei Größe und Finanzkraft der Gemeinden gibt es in Mexiko extreme Unterschiede. In vielen Fällen sind die Abfallgebühren sehr niedrig, wodurch die betroffenen Gemeinden auf Zuschüsse des Zentralstaats angewiesen sind. Die Mittel wurden aufgrund allgemeiner Haushaltskürzungen in den letzten Jahren jedoch zurückgefahren. Für die Entsorgungsfirma Pasa sind nur größere Gemeinden von mehr als 50.000 Einwohnern und somit nur 75 Prozent der gesamten Abfälle von rund 42 Millionen Tonnen pro Jahr als Geschäftsfeld interessant.

Das Unternehmen beobachtet eine stärkere Konzessionsvergabe an Privatfirmen. Zurzeit sammeln kommunale Unternehmen oder damit verbundene informelle Gruppen nach Schätzungen etwa 74 Prozent der Siedlungsabfälle. Der Rest ist privaten Konzessionären übertragen worden, die auch vielfach Deponien betreiben. Hier sind neben Pasa die Firmen Caabsa Eagle, Grupo Domos, Red Ambiental, Tecmed sowie Veolia in mehreren Landesteilen vertreten.

Diese Firmen sammeln Haushalts- und Industrieabfälle und betreiben Deponien. Andere Firmen operieren jeweils nur in einer Region. Im Bereich der Industrie- und Handelsabfälle ist der Anteil privater Entsorgungsfirmen mit etwa 65 Prozent höher als bei Siedlungsabfällen. Hier gehören neben den zuvor genannten Unternehmen die Firmen Mobil Container, Recolectora Industrial de Occidente, Sanirent, Selicsa, Trisa Comercial und Ecolomovil zu den führenden Playern.

Geschäftspraxis

Die wachsende Bedeutung von Privatunternehmen in der Abfallentsorgung ist positiv für deutsche Technologieanbieter. Obwohl sie sich in ihrem Geschäftsgebaren landesweit stark unterscheiden, sind Gemeinden oftmals schwierige Partner. Viele Gemeinderegierungen wollen keine privaten Betreiber einschalten oder ziehen die Vergabe an nahestehende Unternehmen vor, wobei mitunter informelle Zahlungen fließen. Gut vernetzte lokale Partnerunternehmen sind daher für eine Geschäftsaufnahme in Mexiko ein Muss.

Öffentliche Ausschreibungen erscheinen lückenlos im offiziellen Gesetzesblatt Diario Oficial beziehungsweise im Internet auf der Beschaffungsseite des öffentlichen Sektors, Compranet (http://www.compranet.gob.mx) - teilweise auch auf den Internetseite des Umweltministeriums Semarnat. Ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht stehen unter http://www.gtai.de/recht  sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen unter http://www.gtai.de/zoll  zur Verfügung.

Internetadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Secretaría de Medio Ambiente y Recursos Naturales (Semarnat) http://www.semarnat.gob.mx Umweltministerium
Instituto Nacional de Ecología y Cambio Climático (INECC) http://www.inecc.gob.mx Berät Semarnat in Klimapolitik
Procuraduría Federal de Protección al Ambiente (PROFEPA) http://www.profepa.gob.mx Nationales Umweltamt
Asociación Mexicana de Empresas Ambientales (Amexa) http://www.amexa.org.mx Verband von Umweltunternehmen
Ecoce http://www.ecoce.mx Recycling-Initiative der Nahrungsmittelindustrie
The Green Expo http://www.thegreenexpo.com.mx Fachmesse für Umwelttechnik (jährlich Ende September in Mexiko-Stadt)

Die Reihe "Branche kompakt" liefert Analysen zu wichtigen Schlüsselbranchen der deutschen Exportwirtschaft. Weitere Länderberichte zum Abfallsektor und zu weiteren Branchen sind unter http://www.gtai.de/branche-kompakt zu finden

Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von GTAI (Germany Trade & Invest)

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