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Australien muss dringend in die Abfallwirtschaft investieren

Müllexport hat keine Zukunft / Von Heiko Stumpf

Über Jahrzehnte hat Australien große Mengen Abfall exportiert. Die nun dringend erforderlichen Investitionen in lokale Wiederverwertung schaffen Nachfrage nach Ausrüstung und Know-how.

Marktchancen

Australiens Bevölkerung wächst weiter - und mit ihr die Müllmengen

Australiens Entsorgungsunternehmen müssen immer größere Abfallmengen bearbeiten. Im Finanzjahr 2016/17 (Juli bis Juni) erzeugte Down Under insgesamt 66,8 Millionen Tonnen Abfall. Das bedeutet in den vergangenen zehn Jahren einen durchschnittlichen Zuwachs von 0,6 Prozent pro Jahr. Während das jährliche Müllaufkommen pro Kopf mit zuletzt 2,7 Tonnen rückläufig ist, dürfte das hohe Bevölkerungswachstum auch künftig für einen Anstieg der Gesamtmenge sorgen.

Nach Prognosen des nationalen Statistikamtes könnte die Bevölkerung von zurzeit rund 25 Millionen auf etwa 36 Millionen Einwohner im Jahr 2046 zunehmen. Der Bundesstaat Victoria prognostiziert für den gleichen Zeitraum einen Anstieg der Abfallmenge von insgesamt rund 55 Prozent. Landesweit könnte sich das Müllaufkommen bei vergleichbarer Entwicklung langfristig auf 90 bis 100 Millionen Tonnen zubewegen.

Rahmendaten zur Abfallwirtschaft in Australien 2016/17 (Mengen in Millionen Tonnen, Recyclingquote in Prozent)
Abfallart Abfallmenge Recyclingmenge Recyclingquote
Bauschutt 17,1 12,3 72
Metall 5,5 5,0 91
Organische Stoffe 14,2 7,3 51
Papier und Pappe 5,6 3,4 61
Plastik 2,5 0,3 12
Glas 1,1 0,6 54
Textilien 0,8 0,08 10
Sondermüll 6,3 1,7 27
Kohleasche (Stromerzeugung) 12,3 5,3 43
Sonstige 1,4 1,1 79
Gesamt 66,8 37,1 55

Quelle: National Waste Report 2018

Die privaten Haushalte tragen mit 13,8 Millionen Tonnen rund 20,7 Prozent zur Müllentstehung bei. Die zuletzt boomende Bauindustrie ist mit 20,4 Millionen Tonnen für 30,5 Prozent verantwortlich. Auf den exakt gleichen Anteil kommen gewerbliche und industrielle Abfälle. Damit beläuft sich die Abfallmenge ohne die Kohleasche auf 54,5 Millionen Tonnen.
Hohe Deponierungsquote

Mit rund 27 Millionen Tonnen landen jährlich noch erhebliche Abfallmengen auf den Deponien des Landes. Schwachpunkt ist vor allem die geringe Wiederverwertung von Plastikmüll. Knapp 2 Millionen Tonnen Abfall werden zur Energiegewinnung genutzt.

Bei der wiederverwerteten Menge von rund 37 Millionen Tonnen zeigen sich große Unterschiede zwischen einzelnen Materialen. Das Recycling von Bauschutt, organischen Stoffen, Glas, Asche und Sondermüll erfolgt fast ausschließlich lokal. Plastik (2016/17: 70 Prozent), Papier und Metall (2016/17: jeweils 43 Prozent) werden jedoch in großen Mengen für die Wiederverwertung exportiert. Insgesamt exportierte Australien im Finanzjahr 2016/17 etwa 4,2 Millionen Tonnen Müll, davon gingen allein 1,3 Millionen Tonnen nach China.

Schlechte Qualität des Recyclingmaterials gefährdet den Export

Diese hohe Exportausrichtung in Teilen der australischen Abfallwirtschaft wird für die Zukunft immer wenig tragfähig. Als China im Jahr 2018 die Vorschriften für die Einfuhr von Recyclingmaterialen auf einen maximalen Kontaminationsgrad von 0,5 Prozent verschärfte, blieb Australien plötzlich auf großen Müllmengen sitzen. In einigen Betrieben bildeten sich Türme aus Plastik- oder Papiermaterial. Teilweise wurden wiederverwertbare Stoffe mangels Abnehmer auf Müllhalden gekippt.

Rund 91 Prozent aller australischen Haushalte verfügen über eine gelbe Recyclingtonne, in der Papier, Glas, Plastik und Metall gesammelt werden können. Abfall, der in den über 100 Rückgewinnungsanlagen des Landes ankommt, weist nach Angaben des Australian Council of Recycling (ACOR) jedoch durchschnittliche Kontaminationswerte von 8 bis 10 Prozent auf. Zudem ist Verunreinigung durch Glassplitter infolge starker Komprimierung ein Problem. Die technische Ausstattung der Materialrückgewinnungsanlagen in Australien ist insgesamt unzureichend und kann die strengeren chinesischen Anforderungen an den Reinheitsgrad von Recyclingmaterial nicht erfüllen.

Zwar stiegen in den vergangenen Monaten die australischen Abfallexporte in andere Länder wie Malaysia, Vietnam oder Thailand, jedoch haben auch diese Staaten strengere Vorschriften angekündigt. Deshalb sind dringende Investitionen in die Ausstattung der Materialrückgewinnungsanlagen erforderlich und bieten Chancen für deutsche Zulieferer. Gebraucht werden beispielsweise optische Erkennungsanlagen, die Plastikmüll in spezifische Ströme wie PET oder HDPE sortieren können.

Die zunehmende Verbreitung von Pfandsystemen für Getränkeverpackungen dürfte die Materialqualität verbessern. Im Jahr 2018 hatten mit New South Wales, Queensland und dem Australia Capital Territory (Canberra) drei Bundesstaaten Getränkepfand eingeführt, 2020 will auch Western Australia starten. Zuvor gab es nur in South Australia und Northern Territory entsprechende Systeme. Auch die getrennte Sammlung von Altpapier kommt verstärkt ins Gespräch.

Lokale Recyclingkapazitäten sollen Exporte ersetzen

Aufgrund steigender Abfallmengen und schwindender Exportmöglichkeiten wächst das Bewusstsein, dass eine langfristige Lösung nur im Aufbau einer lokalen Kreislaufwirtschaft liegen kann. Einen wichtigen Beitrag hierzu will die Verpackungsindustrie liefern. Der Industrieverband Australian Packaging Covenant Organisation (APCO) stellte 2018 das mit den Umweltministern der australischen Bundesstaaten abgestimmte "2025 National Packaging Waste Target" vor.

Danach soll bis 2025 sämtliches Verpackungsmaterial aus wiederverwertbaren Materialien bestehen. Für Plastikverpackungen sieht der Plan eine Recyclingquote von 70 Prozent vor. 2016/17 lag der Wert noch bei 27,6 Prozent, bei einem jährlichen Verbrauch von rund 880.000 Tonnen. Zudem sollen alle Verpackungen zu mindestens 30 Prozent aus recyceltem Material bestehen. Für die Erhöhung der Recyclingrate bei Verpackungen wurde 2018 auch das Australasian Recycling Label eingeführt. Es kennzeichnet, welche Verpackungen in den gelben Recyclingtonnen entsorgt werden können.

Die nationale Regierung will mit der im Jahr 2018 überarbeiteten National Waste Policy den Weg in eine Kreislaufwirtschaft ebnen. Allerdings konnte sich das nationale Umweltministerium mit den Regierungen der einzelnen Bundesstaaten noch nicht auf verbindliche Zielvorgaben verständigen. Sie sollen in einem Action Plan festgeschrieben werden. Bis zu einer Einigung gibt es konkrete abfallpolitische Leitvorgaben nur auf Ebene der australischen Bundesstaaten.

Abfallpolitische Zielvorgaben in Australien
Bundesstaat Strategie Zielvorgabe
New South Wales(NSW) Waste Avoidance & Resource Recovery Strategy 2014-2021 Recyclingrate von 70% bei Haus- und Industrieabfällen sowie von 80% bei Baustoffen
Australian Capital Territory (ACT) Waste Management Strategy: Towards a Sustainable Canberra 2025 Rückgewinnungsrate von 80% bis 2020 und 90% bis 2025
Queensland (QLD) Waste Avoidance & Resource Productivity Strategy 2014-2024 Reduzierung des Abfallaufkommens pro Kopf um 5%, Recyclingquoten von 50% bei Hausmüll, 55% bei Industrieabfall und 75% bei Baustoffen
South Australia (SA) Waste Strategy 2015-2020 Reduzierung des Abfallaufkommens pro Kopf um 5%, Rückgewinnungsrate von 70% bei Hausmüll, 80% bei Industrieabfall und 90% bei Baustoffen
Western Australia (WA) Waste Avoidance & Resource Recovery Strategy 2030 Reduzierung des Abfallaufkommens pro Kopf um 20%, allg. Rückgewinnungsrate von 75%

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Die Abfallpläne der Bundesstaaten Victoria, Tasmanien und Northern Territory enthalten zurzeit keine konkreten Zielvorgaben. In Queensland befindet sich die Strategie bereits in der Überarbeitung, wobei nach Entwürfen bis 2050 eine Recyclingquote von 75 Prozent sowie eine Verringerung der Haushaltsabfälle von 25 Prozent geplant ist. Auch New South Wales arbeitet an einer neuen Abfallstrategie, die über einen Zeithorizont von 20 Jahren eine Kreislaufwirtschaft etablieren soll. Daneben formulieren auch die 537 Kommunen des Landes eigene Managementpläne für die Abfallentsorgung. Mit Victoria und South Australia haben mittlerweile zwei Bundesstaaten spezifische Pläne für den Ausbau der Abfallinfrastruktur aufgesetzt (Waste & Resource Recovery Infrastructure Plan).

Müllverbrennungsanlagen sind geplant

Zu einem wichtigen Thema entwickelt sich die Müllverbrennung. Eine Reihe von Großanlagen befindet sich in der Planung. Branchenkenner sehen landesweit ein langfristiges Potential für 35 bis 40 Anlagen.

Geplante Müllverbrennungsanlagen in Australien (Auswahl)

Ort Unternehmen Anmerkung*
Perth Phoenix Energy Investitionssumme 544 Mio. US$, Kapazität 400.000 t pro Jahr
Perth New Energy Investitionssumme 325 Mio. US$, Kapazität 300.000 t pro Jahr
Melbourne Australian Paper Investitionssumme 487 Mio. US$, Kapazität 650.000 t pro Jahr
Melbourne Recovered Energy Kapazität 200.000 t pro Jahr
Ipswich Remondis Investitionssumme 325 Mio. US$, Kapazität 500.000 t pro Jahr

*Umrechnung anhand des Wechselkurs 1$A=0,8113 US$

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest


Lokale Branchenstruktur

Großunternehmen mit großer Marktmacht

Die australische Entsorgungsindustrie besteht aus rund 750 Unternehmen, ist nach einer Konsolidierungsphase aber durch wenige Großunternehmen dominiert. Die fünf führenden Unternehmen der Abfallwirtschaft Suez, Cleanaway, Veolia, JJ Richards und Remondis dürften einen Marktanteil von rund 55 bis 60 Prozent erreichen. Auf Wachstumskurs befindet sich nach der Übernahme von Dial-a-Dump der Anbieter Bingo Resources. Der Branchenumsatz im Geschäftszweig Abfallentsorgung belief sich nach Angaben von Ibis World 2017/18 auf umgerechnet rund 2,1 Milliarden US$ und soll in Landeswährung bis 2023 um durchschnittlich 2,4 Prozent pro Jahr wachsen.

Führendes Unternehmen für das Recycling von Plastikabfällen ist Visy. Insgesamt sind 64 Firmen in der Wiederverwertung von Plastik aktiv. Im Recycling von Papier und Pappe dominieren Visy, Orora und Norske Skog. Die Glasindustrie besteht aus den vier Anbietern Visy, SKM Recycling, Polytrade und Brisbane Cullet.

Geschäftspraxis

Die Gesetzgebungskompetenz im Bereich der Abfallwirtschaft liegt in erster Linie bei den australischen Bundesstaaten. Die Kommunen sind für die Entsorgung von Haushaltsabfällen verantwortlich. Sie vergeben die tatsächliche Durchführung in der Regel an private Unternehmen über öffentliche Ausschreibungen. Zahlreiche Kommunen bieten hierüber auch die Entsorgung von gewerblichen Abfällen an. Beispielsweise im City of Sydney Council müssen Unternehmen jedoch selbst Verträge mit Abfallentsorgern schließen.

Die von der australischen Bundesregierung betriebene Datenbank http://www.tenders.gov.au gibt eine Übersicht über Ausschreibungen und Beschaffungen der australischen Regierung. Daneben hat jeder Bundesstaat eigene Datenbanken (http://www.australia.gov.au/information-and-services/business-and-industry/government-contracts-and-tenders/states-and-territories).

Ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht stehen unter http://www.gtai.de/recht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen unter http://www.gtai.de/zoll zur Verfügung.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/australien Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft
AHK Australien https://australien.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
German RETech Partnership e.V. http://www.retech-germany.net Netzwerk deutscher Unternehmen und Institutionen der Entsorgungs- und Recyclingbranche zur Exportförderung
National Waste and Recycling Industry Council (NWRIC) https://www.nwric.com.au Branchenverband
Waste Management and Resource Recovery Association of Australia (WMRR) https://www.wmrr.asn.au Fachverband
Australian Council of Recycling (ACRO) https://www.acor.org.au Fachverband
Waste Management Review http://wastemanagementreview.com.au Fachzeitschrift
Waste Expo Australia https://www.wasteexpoaustralia.com.au Fachmesse, 23.-24. 10.19 in Melbourne
Australasian Waste and Recycling Expo https://awre.com.au Fachmesse, 30.-31. 10.19 in Sydney

Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von der Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH.
www.gtai.de

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