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Aufbau einer zirkulären Wirtschaft für Reifen

Am 11. November 2021 fand der Online-Fachdialog „Einsatz von runderneuerten Reifen“ statt, gemeinsam organisiert von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SenUVK), Berlin, und dem bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. (bvse), hier der Fachverband Recycling von Reifen und Gummi.

Gemeinsam mit mehr als 40 Teilnehmer*innen diskutierten Expert*innen aus Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft ökologische Potenziale, Handlungsbedarfe, technische Möglichkeiten und verschiedene Einsatzzwecke für die Runderneuerung von Lkw-Reifen, s. www.berlin.de/sen/uvk/umwelt/kreislaufwirtschaft/projekte/re-use-berlin/fachdialoge/.

Das Land Berlin verfolgt eine Zero-Waste Strategie, wonach die Wiederverwendung und das Recycling von Stoffströmen ausgebaut werden sollen, um ökologische Stoffkreisläufe zu schließen. Innerhalb der von der Berliner Senatsumweltverwaltung aufgebauten Re-Use-Initiative soll der Einsatz von runderneuerten Reifen in Berlin forciert werden.

Die gleiche Zielrichtung verfolgt der bvse-Fachverband Recycling von Reifen und Gummi. Der bvse setzt sich dafür ein, dass Altreifen gemäß der Abfallhierarchie verwendet werden. Die Runderneuerung von Reifen als Voraussetzung für die Wiederverwendung hat noch viel Potenzial. Von den im Jahr 2020 angefallenen 571.000 Tonnen Altreifen sind nämlich nur 33.000 Tonnen oder 831.000 Altreifen runderneuert worden. Doch auch dieser relativ geringe Anteil sichert unmittelbar 7.500 Arbeitsplätze. Eine Steigerung der Runderneuerung kann daher auch viele neue Jobs entstehen lassen, ist der bvse überzeugt.

Auch das ökologische Potenzial der Runderneuerung von Lkw-Reifen kann aus ökobilanzieller Sicht nicht hoch genug eingestuft werden. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Einsparung von Abfällen, CO2-Emissionen und Materialeinsatz im Vergleich zur Produktion von Neureifen.

Als Maßnahme der Wiederverwendung und Verlängerung der Lebensdauer können über eine Runderneuerung von Lkw-Reifen ca. 70 % der Materialmengen eingespart werden. Pro 5 Tonnen Materialeinsparung (ca. 100 Reifen) werden damit etwa 6 Tonnen CO2 weniger freigesetzt.

Insgesamt benötigt die Produktion eines hochwertigen runderneuerten Reifens nur 30 % des Rohöls und 70 % weniger Energie, sodass sich bis zu 80 % geringere CO2- und andere Kohlenstoffemissionen ergeben. Bei diesen ökologischen Vorteilen ist jedoch entscheidend, dass die runderneuerten Reifen mit Neureifen in Sachen Rollwiderstand und Kraftstoffverbrauch vergleichbar sind – das ist bei den vorherrschenden Prozessen und Technologien in der Regel bei Lkw- und auch Pkw-Reifen gegeben. Bisher gehen jedoch nur rund 25 % der Lkw-Reifen in die Wiederverwendung bzw. Runderneuerung.

In Berlin finden runderneuerte Reifen bereits umfangreich Verwendung, u. a. durch die Berliner Stadtreinigung BSR und die Berliner Verkehrsbetriebe BVG. In Erfahrungsberichten schilderten Expert*innen von BSR und BVG, dass dort bereits zahlreiche Fahrzeuge, das sind insbesondere Müllfahrzeuge und Busse, runderneuerte Reifen erfolgreich nutzen und damit positive Erfahrungen sowohl wirtschaftlich im Sinne von Kosteneinsparungen als auch mit dem Fahrverhalten der runderneuerten Reifen gemacht haben. Dabei wurden keine Nachteile gegenüber Neureifen festgestellt, vielmehr konnten die Laufleistungen der Reifen teilweise sogar erhöht werden. Auch die Logistik zu Beschaffung, Montage und Wartung konnte, gemeinsam mit externen Partnern, einfach und effizient gestaltet werden. Aufgrund ähnlicher Erfahrung hat das im Süden Deutschlands agierende Entsorgungsunternehmen WRZ Hörger seine Fahrzeugflotte zu 100 % auf runderneuerte Reifen umgestellt.

Die im Fachdialog vorgetragenen Erfahrungsberichte zeigen, dass runderneute Reifen den Neureifen in Qualität, Belastung und Laufleistung gleichkommen. Runderneuerte Reifen finden inzwischen nicht nur Anwendung auf den Laufachsen, sondern sogar auf den Lenkachsen der Lkw.

Der Einsatz von runderneuerten Reifen erhält die Karkassen, die dabei ein zweites oder sogar drittes Leben erfahren. Oder anders ausgedrückt haben wir durch die Runderneuerung eine beachtliche Ressourceneinsparung, hier insbesondere von Naturkautschuk, Synthesekautschuken, Rußen und allen weiteren Reifenbestandteilen.

Derzeit werden große Anteile dieser Lkw-Reifen verbrannt und damit wertvolle Ressourcen vernichtet. Angesichts der Klimanotlage und auch der erforderlichen Ressourcenwende muss eine zirkuläre Wirtschaft aufgebaut und die Verbrennung von Altreifen drastisch reduziert werden. Untersuchungen zeigen eindrucksvoll auf, dass dadurch relevante Klimagas- sowie Ressourceneinsparungen bewirkt werden können.

Im Nachgang haben die Ergebnisse des Fachdialoges „Re-Use – Einsatz von runderneuerten Reifen“ bei Vertretern von Kommunen und von Bundesländern großes Interesse erzielt. So wird derzeit vertieft erörtert, ob, basierend auf dem Kreislaufwirtschaftsgesetz, eine Altreifenverordnung einen wichtigen Beitrag dazu leisten könnte, rechtliche Sicherheit in der Wiederverwendung und im stofflichen Recycling von Lkw-Reifen zu bewirken. Die Neuordnung der Reifenverwertung kann über eine stoffstromspezifische Regelung oder aber über die Novellierung der Altfahrzeugverordnung erreicht werden. In jedem Fall sind relevante Umweltentlastungspotenziale zu erschließen und eine Kreislaufführung von Altreifen zu stärken und konsequent auszubauen.