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Eine funktionierende textile Kreislaufwirtschaft kann gelingen!

Dies ist der Eindruck aller Beteiligten des 9. Internationalen Alttextiltages am 04. und 05.Mai 2022 in Amsterdam.

Der Expertenkonsens der vortragenden Referenten aus den Bereichen der EU-Politik, Forschung und Technologie sowie der Hersteller lässt den Schluss zu, dass der ambitionierte Zeitplan des EU-Green-Deals und insbesondere der EU-Textil-Strategie eingehalten werden kann, wenn alle am Prozess beteiligten Akteure eng zusammen arbeiten und eine gemeinsame Linie finden.

„Die aktuellen Vorgaben und Punkte der kürzlich veröffentlichten EU-Textil-Strategie finden grundsätzlich Zustimmung in der deutschen Textilrecyclingbranche. Optimistisch lässt uns auch die wahrgenommene positive Haltung seitens der Hersteller zu diesen Plänen in die Zukunft blicken“, fasste Stefan Voigt, bvse-Vizepräsident und Vorsitzender des Fachverbandes Textilrecycling seine Eindrücke der Tagung zusammen.

Ist die Branche fit für die Umsetzung der EU-Vorgaben?

„Die Textilrecycler kämpfen weiterhin mit Bergen von Alttextilien niedriger Qualität und immens steigenden Kosten. Eine Umsetzung der EU-Vorgaben unter Berücksichtigung der sozialen Komponenten und des angestrebten Einsatzes von Recyclingfasern in Neuware kann nur gelingen, wenn hier in Zusammenarbeit mit den Herstellern ein geeignetes Verantwortungskonzept der Hersteller gefunden wird, in dessen Struktur eine starke Beteiligung der Alttextilrecycler vorgesehen  wird“, stellte Voigt deutlich klar.

Technologie und Forschung erhalten immer größere Bedeutung!

Als besonders interessant und informativ empfanden alle Teilnehmer die Vorträge der vier Referenten aus Forschung und Wissenschaft. „Es wird deutlich, dass diesem Bereich elementare Bedeutung an der Entwicklung einer zukunftsträchtigen textilen Kreislaufwirtschaft zukommt“, so Voigt, der hier zusammen mit den Teilnehmern den derzeitigen Stand der Forschung als lobenswert empfand. 

Wie ist der Stand bei Getrenntsammlungspflicht und EPR-Systemen?

Die Umsetzung der von der EU-Kommission eingeführten Getrenntsammlungspflicht ab 2025 ist möglicherweise nicht überall problemlos zu machen, ist sich Voigt sicher: „Mit den bestehenden, gut funktionierenden Sammel- und Sortiersystemen sind wir in Deutschland sehr gut aufgestellt“, so Voigt, aber das sei längst nicht in allen EU-Mitgliedstaaten der Fall.

„Sicher ist, dass die Einführung von EPR-Systemen durch die EU-Textilstrategie an Dominanz und Schnelligkeit gewinnen und in Zukunft ein vorherrschendes Thema sein wird“, ergänzte Voigt. Wie die Gestaltung dieser Systeme aussehe,  sei jedoch ungewiss.  Die Arbeit an diesen Systemen stelle bereits seit einiger Zeit und auch in Zukunft einen Schwerpunkt in der Arbeit des Verbandes dar, erklärte Voigt auf Nachfrage.

Auch die bvse-Rechtsrefentin Deliana Bungard machte hier die Vorstellung des Verbandes deutlich: „Unterschiedliche und bereits bei anderen Stoffströmen etablierte EPR-Systeme bergen sowohl Chancen als auch Risiken. Jetzt kommt es darauf an, mit den Entscheidungsträgern  in der Politik ein auf die Textilrecyclingwirtschaft zugeschnittenes System zu entwickeln.“

Eines sei jedoch gewiss: „Der bvse setzt sich dafür ein, dass es aus der Entsorgungswirtschaft sicher nur eine gemeinsame Stimme für einen Standard geben wird.“  

„Insgesamt nimmt die Gesetzgebung der Europäischen Union immer größeren und direkteren Einfluss auf die nationale Gesetzgebung der Mitgliedsstaaten.“, erklärte Bungard angesichts eines Tsunamis neuer Gesetze, Initiativen und Verordnungen, das aus dem Europäischen Green Deal auf die Recyclingbranche zurollt. Die Gefahr: Mehr regulatorische Maßnahmen führen zu immer kleinteiligeren Gesetzen, die den Bürokratieaufwand weiter erhöhen. „Die Politik bleibt daher aufgefordert, die richtigen Instrumente und Anreize für einen Paradigmenwechsel im Textilrecycling zu setzen“, machte Bungard deutlich.

Auch Julia Blees, Volljuristin und Policy Officer bei EuRIC bekräftigte in ihren Ausführungen zur im März vorgestellten EU-Textil-Strategie noch einmal, dass das Thema der Herstellerverantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette eines der vier wichtigsten Schlüsselthemen aus insgesamt 24 Maßnahmen des EU-Papiers sei.

In der guten Zusammenarbeit mit dem europäischen Branchendachverband EuRIC werde man sich im Sinne guter Lösungen konstruktiv und schlagkräftig auf EU-Ebene einsetzen, bekräftigten die anwesenden Vertreter beider Verbände.