Polen bietet großes Potential bei der Klärschlammbehandlung

Investitionsprojekte vor allem in Großstädten / Zementwerken kommt besondere Bedeutung zu / Von Heiko Steinacher Warschau (gtai)

Immer strengere Auflagen und voraussichtlich bald stark steigende Kosten für das Deponieren von Abfällen lösen in Polen wachsendes Interesse an alternativen Methoden wie Verbrennung und Trocknung zur Behandlung biogener Rückstände in Kläranlagen aus. Noch 2008 wurden fast 30% der angefallenen rund 1 Mio. t Klärschlamm zumindest vorübergehend gelagert.

Etwa 650 Aussteller aus 20 Ländern, darunter Anbieter entsprechender Behandlungstechnologien, präsentierten sich auf der größten Umweltmesse Mittelosteuropas,Poleko, in Poznan (23.-26.11.10). Polen investiert bereits seit einigen Jahren hohe Summen in die Modernisierung seiner Wasser- und Abwasserwirtschaft. Dabei fallen in den Kläranlagen von Jahr zu Jahr immer mehr Klärschlämme und andere biogene Rückstände an, die - so sieht es die Umweltpolitik der EU vor - künftig stärker bewirtschaftet werden müssen. Als Behandlungsmethoden dominieren Trocknung und thermische Behandlung.

Andere Möglichkeiten, wie die agrarwirtschaftliche Nutzung oder Deponierung als Siedlungsabfall sind quasi ausgeschöpft. Ab Jahresbeginn 2013 wird die Ablagerung biogener Rückstände auf Müllhalden per Gesetz gänzlich verboten und ihre Verwendung als Dünger in Abhängigkeit von der Schwermetall-Anreicherung nur noch in Ausnahmefällen möglich sein.

Klärrückstände in industriellen und kommunalen Abwasserbehandlungsanlagen
2004 2008
Insgesamt 1.087,2 978,9
.zur Rekultivierung genutzt 273,3 232,7
.landwirtschaftlich genutzt 94,4 151,7
.im Landschaftsbau genutzt 30,4 28,1
.thermisch behandelt 39,9 44,5
.gelagert 453,3 208,7
.vorübergehend gelagert 49,8 73,1
Quelle: Statistisches Hauptamt (GUS)

Die maßgeblichen beiden Grundlagen-Dokumente für die Verwertung biogener Rückstände sind das Landes-Programm zur Reinigung kommunaler Abwässer 2009 (AKPOSK) und der Landes-Abfallwirtschaftsplan (KPGO) 2010 (voraussichtlich bald ersetzt durch den KPGO 2014, der sich Anfang Dezember in Arbeit befand). Die meisten Investitionsprojekte betreffen größere Agglomerationen mit mehr als 100.000 Einwohnern. Dagegen fehlen dezentrale, den Bedarfen kleinerer Städte und ländlicher Regionen angepasste, Lösungen weitgehend.

Ferner bemängeln Fachleute, dass vorhandene Konzepte zur Klärschlammentsorgung oft nicht nachhaltig seien. Sie setzten einseitig auf Trocknung der Rückstände, ließen die weitere Verwendung des Trockengranulats aber offen, oder sähen nach der Verbrennung keine konkrete Verwendung der Asche vor.

Bei der Mitverbrennung von Klärschlamm als Sekundärbrennstoff kommt laut Fachleuten in Polen Zementwerken eine große Bedeutung zu. Zwar ist der Prozess kostenintensiv, doch werden die Rückstände auf diese Weise - im Gegensatz zum Co-firing in Kohlekraftwerken, wobei Aschereste verbleiben - vollständig stofflich und thermisch genutzt. Der technische Standard der meisten vorhandenen Abgasreinigungsanlagen bei der Kohlefeuerung erfülle außerdem nicht die für die Mitverbrennung biogener Ersatzbrennstoffe wie Klärschlamm maßgeblichen EU-Vorschriften.

Durch den geplanten Bau von landesweit bis zu acht Müllverbrennungsanlagen mit einer Gesamtkapazität von circa 7 Mio. jato könnte auch die energetische Nutzung von Klärschlämmen bei der Abfallverbrennung ein wichtiges Thema werden. Allerdings widerspricht der hierbei von Polen eingeschlagene Weg nach Meinung vieler Experten den Prioritäten der neuen Abfallrahmenrichtlinie der EU, die Abfallvermeidung vor Wiederverwendung und Letztere wiederum vor stoffliche Verwertung setzt. Danach müssten sich die Bestrebungen viel stärker auf eine flächendeckende Getrenntsammlung von Abfällen und Recycling ausrichten, wohingegen die thermische Verwertung nur eine untergeordnete Rolle spielen dürfte.

Unter den seit der Beitrittsrunde 2004 hinzugekommenen EU-Ländern entwickeln sich Investitionen in die Trocknung und nachgeschaltete thermische Entsorgung von Klärschlämmen in Polen am dynamischsten. Die größten Projekte betreffen Großstädte.

Wroclaw will im kommenden Jahr in seiner Kläranlage ein Trocknungssystem mit vier Linien von Siemens in Betrieb nehmen. Die Anlage des Münchener Technologiekonzerns verfügt über eine Verdampfungsleistung von 10 t pro Stunde. Dadurch soll sich das Volumen des täglich in der südwestpolnischen Metropole anfallenden Klärschlamms von 320 t auf 109 t pro Tag reduzieren.

Auch Piotrkow Trybunalski modernisiert und erweitert seine bestehenden Abwasserreinigungsanlagen, unter anderem um thermische Anlagen zur Klärschlammbehandlung. Plaszczow bei Krakow hat bereits Mitte Oktober 2010 eine thermische Klärschlamm-Behandlungsanlage auf dem Gelände seiner Kläranlage in Betrieb genommen.

Investitionen in Anlagen zur Trocknung und Verbrennung biogener Rückstände in weiteren polnischen Großstädten
Stadt Rückstände (Mg/a Trockenmasse) Investitionsumfang Fortschritt
Warschau Circa 70.000 Trocknung, Verbrennung, zwei Linien Fertigstellung bis Ende 2010 geplant (wird knapp)
Lodz Circa 22.000 Trocknung, Verbrennung, zwei Linien In Betrieb genommen
Krakow Circa 25.000 Trocknung, Verbrennung, eine Linie In Betrieb genommen
Gdansk Circa 14.000 Trocknung, Verbrennung Baubeginn Mitte Oktober 2010, Fertigstellung voraussichtlich Ende 2011
Poznan Circa 30.000 Trocknung, Granulat zur Mitverbrennung In Betrieb genommen
Lublin Circa 9.000 Nur Trocknung, eventuell Co-firing In Betrieb genommen
Radom Circa 7.000 Bisher nur Trocknung, Erweiterung vorgesehen Trocknungsanlage in Betrieb, Ausbau-Projektarbeiten fortgeschritten
Szczecin Circa 9.000 Rostfeuerung, eine Linie In Betrieb genommen
Olsztyn Circa 3.250 Trocknung, Verbrennung, eine Linie In Betrieb genommen
Quellen: www.abrys.pl Prof. Tadeusz Pajak (AGH University of Science and Technology), eigene Recherchen

Doch auch kleinere Städte und Gemeindeverbünde investieren. So soll bis Ende September 2012 auf dem Gelände der Kläranlage "Trzy Lipy" (Drei Linden) im masurischen Ketrzyn eine Anlage zur Verarbeitung und Stabilisierung von Rückständen aus der Abwasserbehandlung entstehen. Auftragnehmer des fast 12 Mio. Zl (umgerechnet 3 Mio. Euro; 1 Euro = 3,9496 Zl im Oktober-Mittel) teuren Projekts ist die Firma Press aus Suwalki im Nordosten des Landes. Der Bau der aus drei Bioreaktoren bestehenden Anlage wird mit EU-Kohäsionsfonds-Geldern gefördert.

Über 20 Mio. Zl wird der Ausbau der Kläranlage im masowischen Radzymin verschlingen, der neben der Modernisierung der bereits bestehenden mechanischen und biologischen Anlagen unter anderem auch den Bau einer Behandlungsanlage für biogene Rückstände vorsieht. Den Zuschlag für das ebenfalls EU-geförderte Vorhaben hat ein Konsortium aus den spezialisierten Beratungsunternehmen Eko-MTK aus Brwinów und der irischen Tobin Consulting Engineers Fairgreen House erhalten. Die Bauarbeiten sollen bis Ende 2012 abgeschlossen sein.

11 südpolnische Gemeinden haben sich zur Zwischengemeindlichen Ökologischen Vereinigung in Zywiec ( www.zmge.zywiec.pl) zusammengeschlossen, um eines der größten Wasser- und Kanalisationsprojekte des Landes durchzuführen. Hauptziel ist die Verbesserung der lokalen Wasserver- und Abwasserentsorgung und deren Anpassung an EU-Standards. Dazu sind 1.177 km Kanalisation sowie rund 178 km Wasserleitungen neu zu verlegen. Außerdem schließt die Investition den Bau einer modernen Trocknungsanlage für Rückstände auf dem Gelände der zu modernisierenden und auszubauenden Kläranlage in Zywiec ein. Die Gesamtkosten des Projekts, das zu fast 85% aus EU-Fördermitteln finanziert wird, belaufen sich auf rund 854,8 Mio. Zl.

Vergleich zwischen Polen und Deutschland bei der Bewirtschaftung biogener Rückstände infolge der Abwasserklärung (Stand: 2009)
  Deutschland Polen
Nutzungsgrad der Anlagen 96% 59%
Anzahl der Kläranlagen Circa 10.000 Circa 13.300
Masse der Rückstände 2.030.000 Mg Trockenmasse/Jahr 568.660 Mg Trockenmasse/Jahr
Ausgaben für die Modernisierung Circa 50 Mrd. Euro Circa 43 Mrd. Zl
Landwirtschaftliche Nutzung 20%*) 22%
Nutzung im Landschaftsbau, zur Rekultivierung 30% 41%
Thermisch behandelt 50% 1%
Kompostiert k.A. 8%
*) einschließlich Kompostierung

Quelle: Prof. Tadeusz Pajak (AGH University of Science and Technology)

EU-Fördermittel für Projekte im Rahmen der Klärschlammbehandlung stehen grundsätzlich im Rahmen der Maßnahme 1.1 (Wasser-/Abwasserwirtschaft in Agglomerationen mit mehr als 15.000 Einwohnerwerten) des Operationellen Programms (OP) Infrastruktur und Umwelt zur Verfügung. Allerdings teilte der Nationale Fonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft (NFOSiGW; www.nfosigw.gov.pl) Ende November 2010 mit, dass der Bedarf der Antragsteller die im Rahmen des OP maximal zur Verfügung stehenden EU-Mittel im Zeitraum 2007 bis 2013 bereits deutlich übersteigt. Aus diesem Grund will der NFOSiGW im Rahmen dieses OP keine weiteren Investitionsprojekte in der laufenden Finanzperiode mehr ausschreiben.

Darüber hinaus können sich Firmen für Fördermittel aus dem OP Innovative Wirtschaft bewerben. Einen besonderen Ansporn bei der Einführung neuer Technologien bilden Technologiekredite im Rahmen der Maßnahme 4.1 (Unterstützung für die Umsetzung von Ergebnissen aus FuE). KMU, die von diesem Förderinstrument profitieren, können einen Teil der Schulden in Form einer Technologieprämie erlassen bekommen - abhängig von der Größe des Unternehmens 30 bis 70% der sich im Rahmen der Kreditaufnahme qualifizierenden Kosten, maximal jedoch 4 Mio. Zl. Ob im konkreten Fall ein Technologiekredit gewährt wird, entscheidet die Landeswirtschaftsbank (BGK; www.bgk.pl).

Die Finanzierung von Umweltprojekten war auch eines der Hauptthemen auf der diesjährigen Poleko (23.-26.11. in Poznan), der größten Umweltmesse in Mittel- und Osteuropa. Die Deutsche Botschaft Warschau lud im Namen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) während der Leistungsschau zum "2. Deutsch-Polnischen Forum für Öko-Innovationen" ein, das sich mit Forschungsprioritäten, innovativen Lösungen und deren Transfer sowie der Stärkung deutsch-polnischer Kooperationen beschäftigte. (S.H.)

Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von der Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing mbH.

 

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