Altpapierpreise steigen stark an
bvse sieht Sonderfaktoren und plädiert für Maß und Mitte
Die Altpapierpreise sind in den letzten Wochen erheblich angestiegen. Thomas Braun, bvse-Geschäftsführer und Altpapierexperte des Verbandes erläutert die Hintergründe:
Frage: Herr Braun, die Altpapierpreise steigen wieder stark an. Was sind die Ursachen?
Thomas Braun: Eines vorweg: Der im Lauf von Herbst 2009 und Winter 2009/10 aus tiefstem Preistal heraus zu verzeichnende Anstieg der Vergütungen führte bis in den Januar gerade mal auf das Vorkrisenniveau vom Herbst 2008. Ein Anstieg, der sinnvoll und notwendig war.
Im weitesten Sinne liegt die Ursache dieser Vergütungssteigerung im Spiel der Marktkräfte. Den Altpapier-Bestellmengen nach, scheinen die großen Zweige der Papierindustrie - Karton und Pappe, Presse- und Hygienepapiere - wieder besser beschäftigt zu sein. Dieser Nachfrage steht aktuell ein konjunktur- und winterbedingt niedriges Altpapieraufkommen gegenüber. In den Kommunen fällt bis zu 30 Prozent weniger Altpapier an, im Gewerbebereich sind ebenfalls massiv Mengen weggebrochen.
Hinzu kommen Sonderfaktoren: Innereuropäisch und auch in Asien werden neue zusätzliche Produktionskapazitäten der Papierindustrie fühlbar, die Altpapier als Rohstoff einsetzen. Der Altpapierbedarf kann zurzeit nur mit großen Anstrengungen der Altpapierentsorgungswirtschaft gedeckt werden.
Frage: Welche Probleme ergeben sich aus dieser
Entwicklung?
Thomas Braun: Seit Ende Januar fehlt zwischen Angebot und Nachfrage jedweder Puffer. Altpapier wird „just-in-time“ geliefert: das, was in den Altpapierentsorgungsbetrieben ankommt, geht direkt nach dessen Sortierung an die Fabriken weiter.
Lagerbestände sind weder auf der Lieferantenseite noch bei den Abnehmern auszumachen. Es kann folglich eine kleine – oft auch nur gefühlte - Unterdeckung in der Altpapierversorgung ausreichen, um übersteigerte Nervosität entstehen zu lassen. Von regelrechten Verdrängungsgeboten einiger Abnehmer wird berichtet. Dies betrifft letztlich aber nur ein vergleichsweise kleines Altpapier-Mengenvolumen, quasi das Zünglein an der Waage.
Wir sehen mit großen Bedenken, dass solche Spotmengen-Phänomene, die am Klein- und Mittelstand in der Regel vorbei gehen, die Preismeldung für eine Altpapiersorte im Ganzen explosionsartig nach oben treiben können.
Dies kann z.B. dann massive Probleme nach sich ziehen, wenn solch hohe Notierungen Eingang finden in Verträge und Ausschreibungen mit Preisanpassungsregelungen.
Grundsätzlich muss ein Altpapierentsorger eine Marge erwirtschaften, die für ihn auskömmlich ist. Davon lebt er. Ein absolut hoher Altpapierpreis hat insofern keinen Nutzen für ihn. Im Gegenteil: Auf Seiten der Anfallstellen können Begehrlichkeiten entstehen, die fehl am Platz sind.
Frage: Wird dieses Hochpreisniveau dauerhaft im Markt
bleiben?
Thomas Braun: Wohl dem, der das verlässlich beantworten kann. Lieferanten und Abnehmer befinden sich in einer schwierigen Situation. Es bleibt abzuwarten, wie sich der bunte Strauß an Faktoren, die in die Preisentwicklung einfließen, entwickelt. Ein konjunkturbedingt über die kommenden Monate wieder steigendes Altpapieraufkommen dürfte manches relativieren.





