29.10.2012

Regionalhäfen im internationalen Seehafenwettbewerb

von Nikolai Lutzky, Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)

Neben den großen Seehäfen Hamburg und Bremen und dem neuen JadeWeserPort Wilhelmshaven finden sich an der deutschen Nordseeküste auch neun mittelgroße Seehäfen1 mit überwiegend regionalwirtschaftlicher Bedeutung. Als Regionalhäfen zeichnen sich diese – alle in Niedersachsen gelegenen – Häfen vor allem durch ihre Rolle als Standortfaktor und Infrastruktur für die jeweils zugeordnete Wirtschaftsregion aus. Auf welche Rahmenbedingungen, Chancen und Risiken des internationalen Seehafenwettbewerbs müssen sich die Regionalhäfen einstellen?

Trotz andauernder Krisen weisen die volkswirtschaftlichen Basistrends in eine positive Richtung.2 Die Weltwirtschaft wird weiter wachsen und damit auch der internationale Handel, der zu über 90 % über See abgewickelt wird. Das Bruttoinlandsprodukt wird in den meisten EU-Ländern zwischen 2010 und 2020 um bis zu 20 % zunehmen, in den meisten osteuropäischen Beitrittsländern sogar um bis zu 50 %, teilweise auch mehr. Hauptsächlich der Export wird in diesem Jahrzehnt das Wachstum in den osteuropäischen EU-Ländern beflügeln, mit Wachstumsraten beispielsweise in Polen von über 80 %; im Durchschnitt aller EU-Länder sind für den gleichen Zeitraum Wachstumsraten des Exports von 64 % zu erwarten, für Deutschland von 60 %. Für die Seehäfen ist damit wachsende Nachfrage sowohl für die Einfuhren als auch für die Ausfuhren vorgezeichnet.

Zwar können politische Entscheidungen über die Zukunft Europas die Entwicklung auch in eine weniger positive Richtung treiben. In einem offenen europäischen Binnenmarkt aber werden sich der Seeverkehr weiter dynamisch entwickeln und die „Trans-europäischen Netze“ und „Motorways of the Sea“ ausgebaut. Von diesen Infrastrukturen profitieren auch der innereuropäische Handel und damit auch der Seeverkehr. Bei insgesamt wachsendem Umschlagsvolumen besteht somit die Chance, dass am Ende des Jahrzehnts auch die Regionalhäfen positive Entwicklungen verzeichnen können. Im Übrigen rückt im Seehafenwettbewerb die industrielle Funktion maritimer Standorte verstärkt in den Vordergrund. Mit geeigneten Flächen-, Infrastruktur- und Dienstleistungsangeboten bringen Seehäfen ihre Stärken als Schnittstellen in internationalen industriellen Netzwerken zur Geltung.

Rückenwind erfährt der Seeverkehr schließlich auch durch den Klimawandel. Unter den verschiedenen Transportsystemen weist der Seeverkehr die geringsten spezifischen CO2-Emissionen3 auf. Politische Maßnahmen zur Anlastung der externen Kosten des Güterverkehrs auf die Verursacher werden die Seehäfen deshalb voraussichtlich weniger treffen als andere Verkehrssysteme.

Als eher widrige Rahmenbedingungen dagegen sind an erster Stelle deutlich erschwerte Finanzierungsbedingungen zu nennen. Des Weiteren werden Umweltauflagen weiter verschärft, Entscheidungs- und Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte ziehen sich hin, örtlichen Partikularinteressen muss Rechnung getragen werden. Politik ist unberechenbarer geworden.

In diesem Wettbewerbsumfeld können sich Regionalhäfen behaupten, wenn sie ihre Stärken gezielt zur Geltung bringen: ihre mittelständische, flexible, oftmals eigentümergeführte Hafenwirtschaft, ihre kurzen Wege zur Landespolitik, ihre Kompetenzen im Management von Terminals, Anlagen und Flächen, ihre Spezialisierung in stabilen Umschlagsbereichen sowie ihre umfangreichen Flächenreserven. Zwar stehen diesen Stärken auch Schwächen gegenüber, beispielsweise ein zumeist strukturschwaches Umland, eine oft nicht bedarfsgerechte Anbindung an die europaweiten Infrastrukturnetze oder ein begrenztes Portfolio an Infrastrukturen und Dienstleistungen. Insgesamt aber zeichnet sich für die Regionalhäfen an der deutschen Nordseeküste ein durchaus chancenreiches Umfeld ab.

Internationale Arbeitsteilung, Fortschritte in der Umschlagstechnik und Logistik sowie Umwelt- und Sicherheitsauflagen begünstigen das weitere Wachstum von Spezialverkehren und Projektladungen, auf die sich viele Regionalhäfen spezialisiert haben. Von Kapazitätsgrenzen der großen Seehäfen können die Regionalhäfen durch Kooperationen mit diesen profitieren, auch als Standorte für ergänzende Terminals, wie der BUSS-Terminal in Stade, sowie durch günstige Angebote für Lagerung, Handling und Distribution. Für den Ausbau der industriellen Zuliefererbasis der maritimen Wirtschaft an der Küste bieten gerade die Regio-nalhäfen beste Standorte an. Chancen für Regionalhäfen entstehen nicht zuletzt daraus, dass die Industrie dabei ist, ihre Wertschöpfungsketten zu internationalisieren. Regionalhäfen sind in solchen Netzwerken bestens als Knotenpunkte für die Zusammenführung von Rohstoffen und Komponenten zu weiteren Verarbeitungsstufen geeignet. Aus Problemen wirtschaftliche Chancen zu entwickeln, ist schließlich die unternehmerische Herausforderung des Klimawandels und der Energiewende. Viele Regionalhäfen haben sich bereits als Standorte der Offshore-Energiewirtschaft profiliert.


1 Brake, Cuxhaven, Emden, Leer, Nordenham, Oldenburg, Papenburg, Stade, Wilhelmshaven.
2 HWWI (2012): Handelswege der Zukunft. Ökonomische Entwicklungsperspektiven und Handelsströme in Europa. Studie im Auftrag der Hamburger Sparkasse.
3 CO2-Emissionen pro transportierte Tonne.

Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung: 

Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut gemeinnützige GmbH (HWWI)
Heimhuder Str. 71
20148 Hamburg, Germany

Internet: http://www.hwwi.org/

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