10.01.2012

Faulstich: „Jede Tonne Sekundärrohstoff ist eine Entlastung für die Umwelt“

"Die Industriegesellschaft muss zu einer Sekundärrohstoffgesellschaft werden.“ Das bedeute einen effizienten und nachhaltigen Umgang mit Energie und Ressourcen, so Prof. Dr.-Ing. Martin Faulstich, Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen bei der Jahrestagung des bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. in Dresden. Vor rund 250 Zuhörern machte der Professor für Rohstoff- und Energietechnologie an der TU München deutlich, dass der Schutz von Ökosystemen und die Versorgung der Wirtschaft mit Rohstoffen nur über den vermehrten Einsatz von Sekundärrohstoffen zu erreichen ist. Das sei eine Gemeinschaftsaufgabe von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Seine Vision: 100 Prozent Kreislaufwirtschaft und 100 Prozent erneuerbare Energien.


Prof. Dr.-Ing. Martin Faulstich

Entkopplung des Rohstoffverbrauchs von Wohlfahrt und Umweltauswirkungen

Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und der steigenden Lebensstandards forderte der Umweltexperte Lösungen für den Umgang mit Ressourcen. Er setzt dabei auf eine „Entkopplung des Rohstoffverbrauchs von Wohlfahrt und Umweltauswirkungen.“ Wenn Wertschöpfungsketten ressourceneffizient sind, sei dann trotzdem Wachstum möglich. In diesem Zusammenhang sei es eine globale Herausforderung,  interkontinentale Recyclingsysteme zu schaffen. Heute gingen Rohstoffe noch verloren, weil beispielsweise Altautos  in Länder exportiert werden, in denen kein Recycling stattfindet. "Was spricht dagegen, in Afrika Recyclingsysteme aufzubauen?“ fragte Faulstich.

Für die Förderung von Rohstoffen würden heute auch Minen mit nur geringer Erzkonzentration ausgebeutet. Das führe zu immer mehr Abraum, negativen Umweltfolgen und Energieverbrauch. Faulstich forderte, diese Schäden in die Primärrohstoffe einzupreisen und gleichzeitig verstärkt auf Sekundärrohstoffe zu setzen: "Jede Tonne Sekundärrohstoff ist eine Entlastung für die Umwelt.“ Dabei müsste man sich zunächst auf die Stoffe konzentrieren, deren Vorkommen erschöpfbar ist und die nicht substituierbar sind wie beispielsweise Metalle oder Phosphor.

In punkto Energiepolitik müsse die Abkehr von fossilen Brennstoffen gelingen, denn die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre für CO2 sei begrenzt. Landwirtschaftliche Flächen sollten jedoch vorwiegend für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet werden.

Recycling als integraler Bestandteil des Produktdesigns – intelligente Nutzungsmodelle

Das Wirtschaftswachstum verbraucht heute noch Primärrohstoffe, wie Faulstich am Beispiel von Handys verdeutlichte: Zwar sei der Metallanteil in den Geräten insgesamt gesunken, gleichzeitig gebe es aber immer mehr Produkte, in denen Kleinstmengen verbaut sind. Auch deshalb liege die Recyclingquote von Technologiemetallen weltweit noch unter 1%. "Wir müssen Produkte ganz neu denken: Die Recycling- und Demontagefähigkeit muss elementarer Bestandteil der Produktionsein.“ Im Vergleich zu dem hohen Niveau auf dem produziert werde, sei das Niveau der Rückführung noch bescheiden. Aber auch intelligente Nutzungsmodelle wie das Leasing, bei dem die Verantwortung für das Recycling beim Hersteller liegt, seien zukunftsweisend, so Faulstich. Und wenn freiwillige Rücklaufsysteme nicht den gewünschten Erfolg bringen, müsste man eben auch über andere Lösungen wie ein Handypfand nachdenken.

Marktanreize für Sekundärrohstoffe schaffen

Die Kreislaufwirtschaft braucht auch ökonomische Anreize, wie Faulstich deutlich machte. International gesehen müssten sich die sozialen und ökologischen Standards angleichen damit sich Primärrohstoffe verteuern und Sekundärrohstoffe eine wirkliche Alternative werden.

Auch wenn weltweite Regelungen wohl realisierbar sind, sprach er sich beispielsweise für eine nationale Primärbaustoffsteuer aus, um die Nachfrage auf Sekundärbaustoffe umzulenken. Gerade im Hoch- und Straßenbau würden heute noch zu wenige Sekundärbaustoffe eingesetzt. Diese Meinung teilt auch der bvse. Der Verband steht einer neuen Steuer jedoch eher kritisch gegenüber: Statt der Verteuerung der Primärware sollte ein Markt für die ökologischen und wirtschaftlichen Recyclingbaustoffe ermöglicht werden. Gerade die öffentliche Hand kann dies fördern, indem sie Recyclingmaterialien in der Vergabe stärker berücksichtigt.

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