08.09.2012

Stahlindustrie: Auftragslage ist eingetrübt

In Deutschland wurden im Juli 3,59 Millionen Tonnen Rohstahl hergestellt. Wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl heute mitteilte, gab die Produktion damit gegenüber dem Vormonat erwartungsgemäß nach. Der Vorjahreswert wurde um moderate zwei Prozent unterschritten, verglichen mit einem Minus von fünf Prozent, das im bisherigen Jahresverlauf erzielt wurde. Bei den warmgewalzten Erzeugnissen beläuft sich der Rückgang im ersten Halbjahr auf sechs Prozent.

Auch die Auftragseingänge bei den Walzstahlerzeugnissen in der Stahlindustrie haben sich nach Auskunft der Wirtschaftsvereinigung Stahl im zweiten Jahresviertel 2012 um 12 Prozent gegenüber dem Vorquartal verringert. Der Wert des Vorjahreszeitraums wurde um ein Prozent unterschritten. Zurückgegangen sind im Quartalsvergleich die Bestellungen aus dem Inland (-12 Prozent) und insbesondere aus der EU-27 (-18 Prozent). Einzig die Orders aus den so genannten Dritten Ländern legten – gestützt auch durch den niedrigen Euro-Kurs – zu (+9 Prozent).

Die Auftragsbestände sind im Juni erstmals seit November wieder unter die 8-Millionen-Tonnen-Grenze gesunken. Ursächlich für die Eintrübung ist insbesondere die erneute Verschärfung der Euro-Krise. Aufgrund der entstandenen Unsicherheit werden gegenwärtig Investitionspläne zurückgestellt und Lagerbestände bei Händlern und Verarbeitern heruntergefahren. Diese dürften aber mittlerweile auf einem niedrigen Niveau liegen. Eine weitere deutliche Abwärtsbewegung im Bestelleingang ist daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu erwarten.

Auch für den Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co SE läuft das Jahr bisher nicht gut. Das Unternehmen steckt tief in der Verlustzone, wozu gerade auch das zweite Quartal beigetragen hat. „Die Lage in Europa ist zunehmend angespannt und wir sehen die Entwicklung weiterhin skeptisch“, machte Vorstandsvorsitzender Gisbert Rühl deutlich. Als Konsequenz will das Unternehmen die Kosten weiter drücken. Statt der ursprünglich vorgesehenen 700 sollen insgesamt 1.300 Arbeitsplätze wegfallen, außerdem soll das Osteuropa-Geschäft aufgegeben werden.

Skeptisch in die Zukunft sieht auch voestalpine. Vor wenigen Tagen meldete der weltweit tätige österreichische Stahlkonzern im operativen Geschäft schlechtere Ergebnisse gegenüber dem ersten Quartal des vergangenen Geschäftsjahres 2011/12. So ging das EBITDA um 19 % von 463 Mio. EUR auf 375 Mio. EUR zurück, was einer EBITDA-Marge von 12,3 % (Vorjahr: 15,2 %) entspricht. Das EBIT lag mit 231 Mio. EUR um 27,4 % unter dem Vergleichswert des Vorjahres (318 Mio. EUR), woraus sich eine von 10,4 % auf 7,6 % gesunkene EBIT-Marge ergibt. Bei einem gegenüber dem Vorjahr stabilen Finanzergebnis beläuft sich das Ergebnis vor Steuern auf 185 Mio. EUR, es liegt damit um 32 % unter dem Vorjahreswert von 272 Mio. EUR. Das Ergebnis nach Steuern (Jahresüberschuss) erreichte 145 Mio. EUR, nach 210 Mio. EUR im ersten Quartal des Vorjahres (minus 31 %).

Begründet wurde diese Entwicklung damit, dass das wirtschaftliche Sentiment durch Staatsschuldenkrise, Eurokrise, Wachstumskrise und Überkapazitäten weiter gelitten habe. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich laut voestalpine mittlerweile auch in den bisher stabilen Volkswirtschaften Nord- und Westeuropas, aber auch in den USA, rückläufige konjunkturelle Tendenzen ab, während die Wirtschaftsentwicklung in Südeuropa unverändert auf sehr schwachem Niveau blieb.

Die Verunsicherung der Marktteilnehmer, und damit auch ein vorsichtigeres Bestellverhalten, haben sich laut voestalpine in den einzelnen Branchen in unterschiedlichem Maß niedergeschlagen.  Während die Automobilindustrie in Europa im Volumensegment bei einer Vielzahl von Herstellern mit massiven Absatzrückgängen konfrontiert war, blieb die Nachfrage vor allem im deutschen Premiumsegment bis zur Jahresmitte noch hoch. Noch vergleichsweise robust stellte sich der Bedarf aus der Energieexploration, dem Maschinenbau und der Luftfahrtindustrie dar, weitgehend konstant zeigte sich das Marktumfeld in der Bahninfrastruktur. Im Schienenbereich ist dies allerdings vom Hochqualitätssegment getragen. Bei Standardschienen ist der Markt unverändert durch Überkapazitäten und Preiskämpfe geprägt. Eine leichte Marktbelebung zeichnete sich auch zuletzt in der Hausgeräte- und der Konsumgüterindustrie ab, wogegen der europäische Bau- und Bauzuliefersektor in den meisten Ländern weiterhin durch Stagnation auf niedrigem Niveau geprägt ist.

Besonders spürbar war durch das eingetrübte makroökonomische Umfeld die Veränderung am europäischen Stahlmarkt. Waren Nachfrage und Preisentwicklung im ersten Quartal des Vorjahres noch von einem starken Aufschwung als Folge der wieder positiver werdenden Wachstumserwartungen geprägt, wurde das Marktumfeld in den letzten Monaten bislang durch sinkende Nachfrage, tendenziell fallende Preise und massive strukturelle Überkapazitäten bestimmt.

Aber nicht nur der europäische Stahlmarkt ist unter Druck. Auch in den bisher für das globale Wirtschaftswachstum wesentlichen Schwellenländern, allen voran China, Brasilien und Indien, haben sich die Anzeichen für eine Abkühlung der bisher überdurchschnittlichen konjunkturellen Dynamik zuletzt erhärtet. So wird beispielsweise in diesem Jahr die chinesische Stahlproduktion erstmals seit 1981 rückläufig sein, wie Branchenkenner berichten.

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